156 DEUTSCHER BUCH- UND STEINDRUCKER xxx Abbau und Wiederaufbau Von Emerich Kner in Gyoma, Ungarn Wenn man fiber bie Lage unb Zukunftsaussichten ber graphischen Gewerbe unb fiber bie allgemeine Wirtschaftslage nachbenkt, kann man zu ber Erkenntnis gewisser Tatsachen gelangen, bie gesetzmafiige Zu- sammenhange zeigen, auf bie Verhaltnisse aller mittel- europaischen Staaten gleichmafiige Gfiltigkeit haben unb sich in einfache Formeln brangen lassen. Das Erkennen unb bie nahere Untersuchung bieser ein- fachen Gesetze kann ffir uns, bie wir in ben graphischen Inbustrien tatig sinb, von gewissem Nutzen sein. Man kann wohl im allgemeinen behaupten, bafi bie Probuktion in Mitteleuropa auf alien Probuktions- gebieten sehr zurfickgegangen ist. Aber auch ohne nahere Kenntnis ber Stalistik kann behauptet werben, bafi ber Rfickgang nicht auf alien Gebieten gleichmaflig vor sich ging. Es gibt Gebiete, bie weniger bavon betroffen wurben, so namentlich bie Probuktions- gebiete, bie bie erstklassigen Lebensbebfirfnisse zu becken berufen sinb, unb es gibt solche, bie in einem viel grofieren Grabe zurfickgingen, unb bas sinb im allgemeinen bie Probuktionszweige, bie ffir unsere Kulturbebfirfnisse zu sorgen haben. Es gibt also Probuktionszweige, beren Bebeutung heute viel grofier ist als vor bem Kriege, unb es gibt solche, bie viel von ihrer Bebeutung verloren haben. Es ist nur zu natfirlich, bafi bieser Umstanb auf Grunb bes Gesetzes von bem Gleichgewicht ber Nachfrage unb bes Angebots auch bie Preise empfinblich beeinflufit, unb bafi er auch auf bem Gebiete bes Arbeitsmarktes zur Geltung kommt. Die allgemeine Verarmung ber mitteleuropaischen Lanber brachte es mit sich, bafi biese Volker fur ihre primitivsten Lebensbebfirfnisse auch kaum sorgen konnen, unb bafi infolgebessen bie Inbustrien, bie ihre Entwicklung bem verhaltnismafiigen Wohlstanbe ver- banken konnen, in bem wir vor bem Kriege lebten, zurzeit sehr schwer zu kampfen haben. Wenn man kaum ffir bie tagliche Nahrung sorgen kann, kauft man weniger Kleiber, man ersetzt bie Mobel unb ben Hausrat, ben man verbraucht hat, nicht, unb man hat nichts fur Bficher, Reisen unb Luxus fibrig. Dafi ein grofier Teil ber Inbuslrie keine Absatz- moglichkeiten hat, ffihrte natfirlich zu einem hohen Grabe von Arbeitslosigkeit in ber Inbustrie; auch bie Bautatigkeit wurbe eingeschrankt, in manchen Lanbern beinahe vollstanbig eingestellt, unb so mufiten natfirlich bie Lohne auch fallen! Die Gesellschaft hat eben viel weniger, als sie vor bem Kriege hatte, sie probuziert auch weniger, es kann also auf ben einzelnen weniger entfallen. Es gibt aber eine ganze Menge von Waren unb Stoffen, bie aus anbern Lanbern bezogen werben mttssen. Unb ba biese Lanber noch in ben wirtschaft- lichen Verhaltnissen leben, bie vor bem Kriege audi bei uns herrschten, mfissen natfirlich biese Waren unb Stoffe zu ben Preisen bezahlt werben, bie sich unter anbern Wirtschaftsverhaltnissen in biesen glficklicheren Lanbern gebilbet haben. Wenn wir nun bie Konsequenzen bieser Fest- stellungen ziehen wollen, mfissen wir zu ber Erkenntnis kommen, bafi eben zuwenig Material unb zuviel Arbeitskraft ba ist. Das heifit, nur wenn man bas Verhaltnis von Angebot unb Nachfrage auf bem Markte beobachtet. (Denn sonst ist in bezug auf bie Kaufkraft ber Massen zuviel Ware unb in bezug ber zu be- waltigenben Aufgaben zuwenig Arbeitskraft ba. Unb eben bieser Gegensatz ist bie grofite Krankheit unserer Zeit, ihr abzuhelfen ware bie grofite Aufgabe, bie jetzt ber Menschheit gestellt ist. Wir mfissen aber auf ber Grunblage ber gegebenen Marktverhaltnisse bleiben, um zu vernfinftigen Folgerungen zu kommen!) Wenn wir bie Preisbilbung im allgemeinen be- trachten, konnen wir wohl als Gesetz feststellen, bafi Kohlen unb Rohstoffe im Verhaltnis zu ben Friebens- preisen viel teuerer, Arbeitslohne aber viel billiger geworben sinb. Infolgebessen haben sich bie Preise ber Fertigfabrikate auch sehr verschieben entwickelt. Alle Preise, bie sich aus viel Kohle, viel Material unb wenig Arbeit bilben, sinb hoch; alle Preise, bie wenig Kohle, wenig Material unb viel Arbeit enthalten, sinb niebrig. In unserm Beruf zeigt sich bas im folgenben: Man kann sich heute eine schone Originalzeichnung, einen kfinstlerischen Originalentwurf ober einen Originalholzschnitt viel eher leisten als im Frieben, ba Arbeit also auch geistige respektive kfinstlerische Arbeit wie bie Hanbarbeit billig ist, aber ein ganz schweres Bfittenpapier ober feine Kunstbruckpapiere kann man sich nicht mehr so leisten wie frfiher. Man kann sich schon bei einer nicht zu grofien Auflage einen Holzschnitt leisten, unb man greift nicht so leicht zu einem guten Klischee. Denn Zink, Chemikalien usw. sinb viel mehr gestiegen als ber Stunbenlohn bes Xylographen. Das ist also ein Gesetz, bas im allgemeinen bie Preisbilbung eines Fertigfabrikats unb bas Verhaltnis ber wichtigsten Bestanbteile bes Preises bestimmt. Nun kommt aber noch ein anberes Gesetz zur Geltung, unb zwar ebenfalls bas Gesetz von Nach frage unb Angebot in einer anbern Beziehung. Es fragt sich namlich, ob bas betreffenbe Fertigfabrikat von primarer ober sekunbarer Bebeutung ffir bie ver- brauchenben Massen ist. Der Verbrauch von Mehl unb Brot kann ja ebenfalls sehr zurfickgehen ich glaube, eine eingehenbe Statistik wfirbe uns entsetzliche Ent- hfillungen bringen aber schliefilich hat auch bieser Rfickgang gewisse Grenzen! Die Menge ber Gesamt- probuktion unb bie Grofie bes vorhanbenen Probuktions- apparats stehen in einem gewissen Verhaltnis zuein- anber, unb bieses Verhaltnis kann sich in einem gewissen Spielraum bewegen. Es ist nur zu leicht erklarlich, bafi bieser Spielraum bei ber Muhleninbustrie ober im Backergewerbe ober auch noch in ber Be- kleibungsinbustrie niemals so grofi sein kann als bei einer Inbustrie, beren Erzeugnisse nur bei einem gewissen, nicht zu niebrigen Grabe bes allgemeinen Wohlstanbes grofien Absatz erzielen konnen. Das Gesetz vom Gleichgewicht ber Nachfrage unb bes Angebotes kommt jetzt nichtmehr so roh unb primitiv zur Geltung wie in frfiheren Zeiten, wo man einfach ben Preis hob, wenn grofie Nachfrage herrschte, unb ben Preis herabsetzte, wenn bie Zeiten f lau wurben. Es ist ja allgemein bekannt, bafi bie Preise ber gewerblichen Erzeugnisse aus brei Elementen bestehenS 1. Material; 2. Arbeitslohn; 3. Betriebsunkosten, Regie, Nutzen bes Unternehmers. Wenn man nun bas einzelne Probukt unb ben Einzelpreis betrachtet, zeigen sich bei steigenber Pro buktion gewisse Verschiebungen. Die Preisbilbung ist sehr von ber Anzahl ber probuzierten Stucke abhangig, unb keins ber oben angeffihrten Elemente bleibt bavon unberfihrt, wenn sie auch in verschiebenem Mafie bavon beeinflufit werben.

Deutscher Buch- und Steindrucker de | 1923 | | page 30