Dez. 1923 DEUTSCHER BUCH- UND STEINDRUCKER 157 Man kann wohl allgemein behaupten, bad ber Verbrauch von Material bei steigenber Probuktion nur in bem Verhaltnis ber Steigerung erhoht wirb. Zu bem einzelnen Schuh ober zum einzelnen Buch wirb wohl im allgemeinen ebensoviel Material verwenbet, ob man ein Buch ober viele Biicher, einen Schuh ober viele Schuhe herstellt. Aber jeber, ber sich mit bieser Frage beschaf tigt, weid, bad Abfalle viel besser verwertet, Material viel besser unb rationeller bewirtschaftet, ja angeschafft werben kann, wenn bie Probuktion hoch ist. Was ben Arbeitslohn betrifft, so zeigen sich hier schon bei steigenber Probuktion in ben Inbustrien, wo maschinelle Probuktion eingefiihrt wurbe, ganz wesent- liche Unterschiebe. Diese sinb verschiebener Art. Es zeigt sich, bad viele Techniken, viele Arbeitsmethoben iiberhaupt nur bei Massenprobuktion angewenbet werben konnen. Unb bann zeigt es sich, bad bie Zurichtung, bie Richtung bes Werkzeuges, bie Ein- stellung ber Maschinen, bie vorbereitenbe Tatigkeit bes Arbeiters, bie in alien Inbustrien verschieben, aber uberall vorhanben sinb, sich bei groder Probuktion giinstiger verteilen unb so auf bas einzelne Probukt bei hoher Probuktion weniger Arbeitszeit kommt! Um ein Beispiel aus unserer Inbustrie anzufiihren, will ich barauf hinweisen, bad ber Preis vielleicht in keiner anbern Inbustrie so sehr von ber Auflage be- stimmt wirb wie bei uns. Vor bem Kriege haben sich nur grode Auflagen bezahlt gemacht. Die Herausgabe kleiner Luxusauflagen war nicht moglich; benn bie an Satz unb Zurichtung verwenbete Zeit war sehr teuer, bas Papier aber war so billig unb bie Absatzmoglichkeit so grod, bad man biese hohen Vorbereitungskosten mit verhaltnismadig wenig Kapitalsanlage also nicht zu groden Materialkosten leicht auf grode Auflagen verteilen konnte. Hingegen sinb jetzt Satz unb Zu richtung burch bie niebrigen Lohne verhaltnismadig billig unb bie Absatzmoglichkeit zu klein. Wenn man also bie nicht mehr so hohen Vorbereitungskosten auf eine grodere Auflage verteilen wollte, miidte man burch bie verhaltnismadig hohen Papierpreise ein viel zu grodes Kapital also zuviel Materialkosten an- legen unb babei burch bie schlechten Absatzmoglich- keiten ein zu grodes Risiko iibernehmen. Das ist bie Erklarung ber zu haufig geworbenen kleinen Luxus auflagen. Mein Beispiel wirb noch beutlicher, wenn man in Betracht zieht, bad jetzt Hanbkolorit, Original- graphik unb Hanbbinbetechniken angewenbet werben, bie in Friebenszeiten unbezahlbar teuer waren! Wenn wir nun zu ber britten Gruppe ber Preis- elemente kommen, werben wir sehen, bad biese nodi viel mehr von ber Ausbehnung ber Probuktion ab- hangig sinb. Denn biese Gruppe besteht aus solchen Elementen, bie sich bei verschieben ausgebehnter Probuktion gleich bleiben. Die Verzinsung bes angelegten Kapitals, bie Miete bes Lokals, Heizung, Beleuchtung, bie Bezahlung bes abministrierenben, leitenben, kontrollierenben Personals, bie Lebensbebiirfnisse bes Chefs ober bie Bezahlung ber Direktoren, Steuern usw. usw., wie biese Kosten alle heiden, bleiben in ihrer Summe gleich, ob viel ober wenig an ben Maschinen probuziert wirb. Wenn man nun biese Kosten auf bie Anzahl ber in einer Periobe hergestellten Stiicke verteilt, zeigt es sich, bad sie sich bei geringer Probuktion erbriickenb schwer zeigen konnen, hingegen verteilen sie sich bei gutem Geschaftsgang, bei hoher Probuktion oft zu kaum merklichen Betragen. Jebe inbustrielle Kalkulation besteht aus zwei Phasen. In ber ersten Phase werben biese brei Gruppen von Kalkulationselementen auf Grunb ver- einbarter Tarife ober auf Grunb eigens aufgestellter Statistik ober Aufzeichnungen aneinanbergereiht. In ber zweiten Phase wirb ber so ermittelte „rohe" Preis abgerunbet ober geanbert. Diese zweite Phase ist bie eigentliche kaufmannische Kalkulation unb wirb burch gefiihlsmadig begrunbete Gesichtspunkte, burch bie Riicksichten auf bie Konkurrenz, auf bie allgemeine Marktlage, auf bie betreffenbe Kunbschaft usw. be- einfludt. Wenn man also eine „rohe" Kalkulation aufstellt, bie burch nichts Gefiihlsmadiges beeinfludt wirb, sonbern auf einfacher Zusammenstellung unb Verteilung ber Kostenelemente beruht, zeigt sich sofort, bad bie An zahl ber probuzierten Stiicke, also bas Verhaltnis von Angebot unb Nachfrage, ben Preis rein mechanisch unb rein mathematisch beeinfludt. In ber zweiten, „kauf- mannischen" Phase wirb bann bieser Einflud zumeist noch scharfer hervortreten. Wie wir sehen, sinb alle Waren, bie viel Material unb wenig Arbeit enthalten, teuer, unb alle, bie wenig Material unb viel Arbeit enthalten, billig. Auderbem sehen wir, bad ber Riickgang ber Probuktion alle Waren automatisch burch unzulangliche Ausnutzung ber Arbeitskraft unb burch ungunstige Verteilung ber Regieunkosten verteuert. Wenn nun jemanb, ber einem Betriebe vorsteht, sieht, bad bie Probuktion burch Verminberung ber Absatzmoglichkeiten zuriickgeht, unb bad bie Betriebs- kosten sich ungiinstig verteilen, mud er bestrebt sein, bie Probuktion zu erhohen. Es gibt zwei Wege zu biesem Ziele. Wenn man namlich sonst bie Moglich- keit bazu hat, probuziert man auf Lager unb iiber- niramt als Kaufmann bas Risiko unb bie Cnancen eines spateren Absatzes. Ober aber man versucht, ben Absatz zu erhohen. Dieser zweite Weg fuhrt wieberum fiber zwei Richtungen. Man versucht nam lich, entweber bas bisherige Absatzgebiet besser aus- zunutzen, inbem man zur Reklame, zur Preisherab- setzung, zur Einfiihrung anberer Warentypen usw. greift, ober man erweitert sein Absatzgebiet, inbem man solche Gebiete aufsucht, bie bisher bem Betriebe nicht offen waren, aber jetzt burch Anberung ber Ver haltnisse Erfolge versprechen. Ich benke hier an ben Export, ber bei groden wirtschaftlichen Verschiebungen oft ungeahnte neue Moglichkeiten bietet. Vor bem Kriege gab es eine Zeit, wo amerikanische Nah- maschinen in Kanaba ober in Europa billiger waren als in ben Vereinigten Staaten. Denn bie stark spezialisierte Probuktion war nur bann rationed, wenn eine gewisse Anzahl von Maschinen im Jahre probu ziert wurbe. Diese Anzahl konnte im Inlanbe nicht voll abgesetzt werben, unb ba ber inlanbische Preis burch bie Kartelle festgelegt wurbe unb nicht er- madigt werben burfte, versuchte man burch Herab- setzung ber auslanbischen Preise ben Export in bie Hohe schnellen zu lassen. Zu bieser Zeit hatte bie Singer Nahmaschinen Co. in jebem ungarischen Dorfe ihren Vertreter, ber bie Maschinen auf Ratenzahlungen verkaufte. Kehren wir nun wieber zu unserer Druckinbustrie zuriick, unb sehen wir, wie biese Gesetze sich auf unserm Gebiete geltenb machen. Bei unserer Unter- suchung gehe ich aus ber Kenntnis ber ungarischen Verhaltnisse heraus vor. Diese sinb mir griinblich bekannt, bie beutschen Verhaltnisse kenne ich aber aus ber Fachpresse, aus personlicher Beriihrung mit beutschen Kollegen unb aus ber Uberlegung heraus, bad bie gleichen Ursachen uberall bie gleichen

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