178 DEUTSCHER BUCH- UND STEINDRUCKER XXX zuriickstellen und die Aufmerksamkeit auf eine Weiterentwick- lung des Hochdrucks hinlenken, die dazu bestimmt ist, dieses Druckverfahren zu revolutionieren und Olfset- und Tiefdruck zu neuen Leistungen anzuspornen, wenn sie Schritt halten wollen. Einige wenige wohlbekannte potentielle Tatsachen: Der Vor- gang des Druckens mit der Druckerpresse tvom Klischee oder Satz hat sich im Prinzip seit seinen Anfangen nicht geandert. Er besteht darin, eine Schicht von Farbe fiber die Schrift und die Druckstocke auszubreitendie dann derart mit Papier in Berfihrung gebracht werden, daB dieses den Abdruck empfangt. Der Druck muB stark genug sein, die Farbe von Type oder Druckstock aufzunehmen und auf das Papier zu fibertragen, das dann die Maschine verlaBt. Der Druckvorgang ergibt sich durch Anwendung von Pressung des Papiers zwischen Farbe und Schrift einerseits, und dem Druckzylinder oder dem Fundament anderseits. Diesen Druck haben Gutenberg und seine Jfinger zuerst in primitiver Weise gehandhabt, die eine groBe korper- Iiche Anstrengung erforderte. In der Folge ist es stets der Gedanke aller Praktiker gewesen, daB die Anwendung eines starken Druckes eine absolute Notwendigkeit sei, um den Zweck zu erreichen. Dies illustriert sich am besten noch bei den Handpressen unserer Kupferdruckereien oder Privatpressen. Der Druck wird zu gleicher Zeit fiber die ganze Form verteiit, und jeder, der einmal eine Hebelabziehpresse betatigt hat, weiB, was das bedeutet. Als dann Kraftantriebsmaschinen beim Druckprinzip zur Anwendung gelangten, blieb der einzige Wechsel darin be- stehen, daB die menschliche Arbeitskraft durch mechanische ersetzt wurde. Spater entdeckte dann jemand, daB sich die Druckarbeit leichter und mit groBerer Geschwindigkeit erledigen lasse, wenn man ein bewegliches Fundament, auf dem die Druckform ruht, mit einem Drehzylinder in Kontakt bringt, wobei nur ein kleiner Teil der Form zur Zeit unter Druck steht. Infolgedessen war hierbei der enorme Druck, der bei Tiegel- druckpressen erforderlich ist, nicht notwendig. Die nachste Entwicklung brachte die Rotationspresse, bei der die halbzylindrische Druckform und der Druckzylinder sich gegeneinander bewegten. Auf diese Weise wurde die Flache, die gleichzeitig unter Druck versetzt wurde, noch kleiner, und es konnte eine groBere Auflage in einer gegebenen Zeit be- waltigt werden, weil hierbei keinerlei Bewegung verioren ging, wie bei der Schnellpresse mit ihrem Fahrfundament, das immer in Hin- und Herbewegung begriffen war. Das ist ohne Zweifel die Druckmethode der Zukunft. Allgemeinverstfindlich: Die besten Drucke liefert die Tiegel- druckpresse, wenn keine groBe Auflage in Frage kommt. Zum Beweise diene, dafl der Abzug einer Gravur von der Handpresse als hochste Druckleistung angesprochen wird, die sich erreichen laBt. Man hort dann, daB den besten Druck, wenn Mengen in Frage kommen, die Schnellpresse liefert. Hieraus folgt natfir- lichdaB die Rotationsdruckmaschine nur ffir Massenauflagen auf minderwertigem Papier bei hochster Geschwindigkeit gut ist und sich deshalb auch auf den Druck von Zeitungen beschrankt. Dieser TrugschluB auf Grund wahrer Tatsachen, der sich ein- geschlichen hat, hat die Druckindustrie ffir viele Jahre gelfihmt, und erst jetzt fangt man an, dies zu begreifen und Licht zu sehen. Man nehme einen beliebigen Drucker, gleichviel ob er eine Abziehpresse in einer Reproduktionsanstalt, eine Schnellpresse in einer Buchdruckerei oder eine Rotationsmaschine im Maschinensaal einer Zeitung bedient, und er wird bestatigen, dafi die erste Handlung beim Druck darin besteht, dieForm „eben" zu machen. In andern Worten: Die Form so herzurichten, daB ein gleichmaBiger Druck von der ganzen Flache erzielt werden kann. Dann, nachdem die Form „plan" hergerichtet ist, beginnt die Zurichtung, die, wie jeder weiB, der uberhaupt etwas vom Druck versteht, darin besteht, daB eine Anzahl von Papierflicken fiber die dunklen und starken Teile der Form gelegt wird, und indem man die Teile der Form ausschneidet oder aus- schabt, die in Berfihrung mit den weiBen Stellen kommen, so daB sich eine Reproduktion der Druckform von selbst ergibt. Wenn die Zurichtung fertig ist, das heiBt, wenn alles geniigend and zweckentsprediend ungleidi hodi ist, dann kann der Druck beginnen und unter mehr oder weniger Zufalligkeiten durch- geffihrt werden. Ist die Auflage sehr groB, dann findet der Drucker nach einer gewissen Zeit, daB seine Zurichtung ab- gequetscht ist. Und er fangt die mfihselige Arbeit des Zu- richtens von vom an, um fortdrucken zu konnen, und um einen moglichst gleichmaBigen Druck der Auflage abzuliefern. Das trifft auf alle Pressen zu, und es ist die orthodoxe Methode des Drucks von heute. Hier kann man fragenWas ist denn verkehrt dabei?" Nichts weiter, als daB das ganze schone Gebfiude der Zurichtung auf Sand gebaut ist und dafi wir auf diesem Fundament im Quicksand weiterbauen, und je hoher wir kommen, daB desto mehr die Struktur zusammenbricht mit dem Resultat andauernder und wachsender Unkosten. Dies ist genau der Fall der Druckindustrie, und wenn der fundamentale Irrtum korrigiert werden kann, der begangen ist, dann ver- schwinden 90 Prozent aller Beschwerden und Angriffe, die gegen den typographischen Druck gerichtet sind. Wir wollen ein wenig tiefer in das Problem eindringen. Wenn ein Maschinenmeister eine Form in der Maschine hat, fertig auf Register geschlossen, macht er einen Abzug, halt ihn gegen das Licht, dreht ihn um und sieht sich die Rfickseite an. Warum? Weil er weiB, daB die Form nicht „eben" ist, und weil er sehen will, wo die Ungleichheiten existieren, damit er sie genau feststellen und in seiner Zurichtung berficksichtigen kann. In keinem Falle erhalt er jemals einen vollstandigen Abdruck der ganzen Form (von gleicher Druckstarke) auf dem ersten Abzug. Er findet, daB Teile der Form zu wenig Druck haben, einzelne vielleicht gar keinen, weil wiederum andere Teile direkt in das Papier hineingepreBt sind, und zwar bis zur Tiefe von !/10 mm. Wenn nun das Fundament und der Druckzylinder absolut genau sind, so lagen die Ungleichheiten beim Satz oder bei den Klischees. Es gibt aber tatsachlich Ungleichheiten bei alien Berfihrungspunkten, mit dem Fundament zu beginnen, dann bei den Unterlagen der Druckstocke, bei den Druck- flachen, im Papier, im Druckzylinder und in den Lagern. Diese Defekte, Ungenauigkeiten und Ungleichheiten mfissen alle in der Zurichtung kompensiert werden, ehe eine brauchbare Drucksache die Presse verlassen kann. Dies nimmt viel Zeit in Anspruch, verringert die Produktion und erhoht die Kosten der Druckarbeit, ganz abgesehen vom Einflufi auf die Qualitat der Arbeit. Die Unebenheiten, die durch die Zurichtung nicht zu fiberwinden waren, beseitigt man durch verstdrkten Druck. Der Drucker setzt eben als Selbstverstandlichkeit voraus, dafi ein starker Druck notig ist, um zu drucken. Wie viel Druck ist nun nfitig, um die Farbe von der Form auf das Papier zu fibertragen? Die meisten Maschinenmeister werden sagen, daB ein grofier Teil mehr Druck bei den soliden und schwarzen Stellen der Form notig ist als bei den hellen Stellen. Wirklich? Man mache einmal selbst den Versuch mit dem Einfarben einer Autotypie, auf die man dann ein Blatt Papier legt und es nun mit einer glatten Flache fiberrelbt. Man findet, dafi iiberrasdiend wenig Druck notwendig gewesen ist, die Farbe vom Klischee auf das Papier zu fibertragen, und daB auch bei den dunkeln Stellen nicht mehr Druck notig ist als bei den hellen. Nachdem man sich hiervon fiberzeugt hat, teile man seine Entdeckung dem ersten besten Druckerkollegen mit und fliidite. Er wird demonstrieren, dafi er nicht imstande ist, zu drucken, wenn er selbst nur einen dfinnen Bogen vom Aufzug abnimmt, und daB er nur die gewfinschten Resultate erzielt, wenn er weitere Bogen aufzieht, was mehr Druck bedeutet, Gewifi ist, daB ein mafiiger Druck genfigt, und ebenso sicher ist. daB bei weitem nicht der dauernd aufgewendete Druck benotigt wird, der die Form vernichtet und den Druck selbst ruiniert. Man braucht nur gesunden Menschenverstantf. Wenn wie in der Theorie alle Flachen in sich perfekt und in perfekter Hohe zueinander gleich sind, dann kann der Vorgang des Druckens mit viel weniger Pressung vor sich gehen, mit weniger Farbe und mit grofierer Geschwindigkeit, als es jetzt der Fall ist. So weit die Theorie! Wie steht es mit der Praxis? Vor einigen Jahren ging ein praktischer Mann mit un- gewohnlicher Erfahrung und mit einem guten Teil von mecha- nischem Verstandnis daran, diese Theorien in der Praxis durch- zuarbeiten und anzuwenden. Wir meinen Mr. L. W. Claybourn, den Direktor der Claybourn Process Corporation. Claybourn hat zeit seines Lebens In verschiedenen Branchen der Kiischee- herstellung und der Druckindustrie fiberhaupt zugebracht. Als er ansagte, dafi es seine Absicht sei, ohne Zurichtung zu drucken, stieBen seine Argumente daffir auf Ablehnung und Widerspruch. Dies hielt ihn nicht ab, seine Forschungen und Experimente weiter zu verfolgen, und in der Oberzeugung, recht zu behalten, schritt er vorwarts. Er fand, daB die

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