Der menschliche Sinn fur Tempi ist niemals absolut; der beste Musiker ist nachweislich nichi imstande, ein Tempo mathematisch genau einzuhalten; er wird ein Stuck heute um 10 Sekunden kiirzer machen als es gestern war. In der traditionellen Analyse hat die Musik uberhaupt kein Tempo. Man hat in der musikalischen Theorie die Frage der Zeit noch nie berucksichtigt.*) Der Einwand „aber gerade diese kleinen Abweichungen machen ja das Geniale der Auffassung beim Dirigenten und Virluosen" scheint uns nur sentimentaler Natur zu sein. Unsere Meinung von der Aufgabe des Interpreten weicht stark von der landlaufigen ab. Der reproduzierende Kunstler soil lediglich ein Verwalter der Wunsche sein, die der Komponist durch seine (allerdings bisher unzulangliche) Notation geaubert hat. Seine Person, sein momentanes Empfinden, seine private Stellungnahme ist im hochsten Grade gleichgultig fur das Wesen des Kunstwerkes. Je „objektiver" der Interpret, desto besser die Interpretation. (Busoni entsetzte manche in den letzten Jahren durch die „kalte Sach- lichkeit" seines Spiels!) Das zunehmende Bestreben unserer Zeit nach Prazision und Klarheit erhellt immer mehr die eigentliche Unfahigkeit des Menschen, als Interpret von Kunstwerken zu gelten. III. Die musikalische Notation ist sehr reich an Angaben fiber Dynamik, Phrasierung, Tempo. Aber alle diese Bezeichnungen sind relativ, sind Kautschukbegriffe, sind lediglich Anhaltspunkte fur den Ausfuhrenden, der ihnen seine individuelle Gebarde verleihf. Das Forte des Einen ist das Fortissimo des Andern. Das Pianissimo Dieses das Piano Jenes. Man sage uns nicht, es kame ja nur auf die Relation dieser Starkegrade unterein- ander an. Dynamik ist eine akustische Angelegenheit, keine induviduale. Die Phrasierung, deren Bezeichnungen noch am Eindeutigsten fur den Interpreten sind bezieht sich doch nur auf die grobsten Bestandteile der Musik. Die intimeren Proportionen werden durch sie nicht beruhrt und der „Auffassung" des Spielers uberlassen. (Es gibt aber auch unter guten Musikern nur 5 Prozent, die die intimeren Proportionen der Musik dem Namen nach kennen oder gar zu gestalten wissen.) IV. Man hat fiber Mittel nachgedacht, das Tempo einer Musik, fur dessen Charakterisierung Bezeichnungen wie Andante, Allegro, Presto, zu lacherlich unverbindlich waren, genau zu bestimmen. Diese Uberlegungen fuhrten zur ersten Verwendung einer Maschine in der Musik: zum Metronom. Die Geschwindigkeit eines regulierbaren, mit einer numerierten Skala versehenen Perpendikels ist ein absoluter Mabstab fur den Zeitraum eines Tons. Merkwurdigerweise kam man erst viel spater darauf, auch alle anderen Elemente zu mechanisieren; d. h. der Maschine vollig die Interpretation einer Musik anzuvertrauen. Als 277 Inzwisdien erschien (Herbst 1924) Ezra Pounds Buch: ..Antheil and the Treatise on Harmony", Paris, Three Mountains Press, worin zum erstenmale eine synthetische Betrachtung fiber Tempo und Harmonic er- strebt wird.

Das Kunstblatt de | 1925 | | page 25