Man mufi mitunter in Uebertreibungen reden, damit das nurUnzulangliche begreiflichwird. Das UnzulanglicheistgefahrlicheralsdasUebertriebene weil es haufiger vorkommt, sich unbeachtet im Alltaglichen verliert, und dort um so verhangnis* voller wirkt. Wer vermag zu sagen, wieviel Mifi* erfolge Autoren und Verleger einer schlechten typographischen Einrichtung und einer falschen Ausstattung ihrer Bücher zu verdanken haben? Das Geheimnis jeden Mifierfolges ist doch nur ein Irrtum, in dem Wesentliches versaumt wurde. Und hier ist viel versaumt worden, und wird mehr versaumt werden, solange Wesentliches, unerkannt und unverstanden, als leblos behandelt wird. Der gute, sinnvolle Ausdruck im Schriftbilde hangt ja nicht nur von der Auswahl, sondern auch von der richtigen Anordnung, der richtigen Type ab. Auch eine kleine Type kann, mitdem gehörigen Zeilenabstand, ein leserliches, klares, übersicht* liches Schriftbild liefern. Jede Zeile mufi reichlich Luft haben. Die schönste, eigenartigste Type mufi, wie E. R. Weifi verstandnisinnig sagt, »um richtig zu wirken, atmen können«, damit sie lebendig bleibt. So ist auch bei derGliederung zu beachten, dafi die Antiqua nach den Erfahrungen von Bierbaum und WeiB »den Satz in rechtwinklichen Gruppen, in Blöcken von Buchstaben begünstigt, die Fraktur nach aufgelöstem Satz verlangt.« Bei so überlegter Sorgfalt ist es selbstverstand* lich,daB der Satzspiegel, in schoner Verteilung von Schwarz und Weifi, gut eingefiigt im weiflen Rand der Seite steht. Jedenfalls muB die Breite des inneren Randes so viel Raum geben, daB sich der Satzspiegel auf der linken Seite des geöfïneten Buches bis zuletzt frei und ungebogen zeigt. Mit der Schrifttype, die nach der geistigen und literarischen Eigenart des Werkes gewahlt wird, ist alles weitere eigentlich bestimmt. Nach Art und Form der Schrift entwickeln sich die Initialen, die aus dem Satzspiegel hervorwachsen, gestaltet sich der Titel, wird natürlich immer mit Rücksicht auf das ganze Wesen des Buches der Einband entworfen. Es mufi nicht erst erzahlt werden, welche Be* deutung derTitel in der durchgeistigten Gestaltung des Buches hat. Der Titel des Buches soil in Schrift und Zeichnung seinen Inhalt und damit den Inhalt des Buches sinnfallig und vorbildlich wiedergeben. Zu diesem Gelingen kann der Titel sowohl schön gesetztwie schön gezeichnet werden. In keinem Fall aber geht es ohne die nachdenk* lichste Vertiefung in sein Wesen ab. »Man setzt einen schonen Titelerklart E. R. WeiB, »indem man die Worte sinngemafi durch entsprechende Typengröfien bewertetunddieWortgruppen eben* so sinngemafi und rhythmisch gut auf dem Titel verteilt.« Einbande machen so wenig Bücher, wie Kleider Leute machen. Was in ihnen steekt, lafit sich vor Kennern nicht verleugnen, wenn auch die Einfal* tigen düpiert werden. Immer steht diesen wie jenen das Gewand am besten, das zu ihrem eigent* lichen Wesen pafit und nicht mehr oder weniger ist, als sie auch unbekleidetvorstellen. Alles andere ist Maskerade. An ihrem Gewande hat stets die gute Echtheit der Stoffe mehr als ihre Kostbarkeit zu bedeuten. Eürdasgute Buch istderLedereinband mitGold* schnitt und Pragung durchaus nicht erforderlich und eigentlich eine Privatsache. Unter den Um* standen des modernen buchgewerblichen Betriebes wird das gute Buch viel schoner in Pappe und Leinen als in Leder zu binden sein. Ein guterLedereinband wird zu kostspielig, und die billigen Lederein* bande,die in den Grofi*Buchbindereien aus minder* wertigem, gebleichtem, lichtunechtgefarbtem Leder oder Spaltleder hergestellt werden,sind im Grunde, trotzihres manchmal gefalligenAussehens.betrüge* risch, sinnlos und gemein. Die Massenfabrikation von Ledereinbanden ist ein Unding, weil sie sach* lich und asthetisch nur falschenAnsprüchen genügt. Pappe, Papier und vorzüglich Leinen sind in halt* baren, tadellosen Qualitaten die geeigneten Stoffe, um das gute Buch gediegen und schön einzubinden. Nur der Papprücken wird wegen der unvermeid* lichen leichten Abnutzung und schnellen Unan* sehnlichkeit wohl stets bedenklich bleiben und womöglich für immer durch den dauerhafteren Leinenrücken zu verbannen sein. Im übrigen ist von der künstlerischen Ausge* staltung des Einbandes nur zu sagen, dafi sie in Schrift, Ornament und Zeichnung die einheitliche Erscheinung des Buches schliefien soli. Sie hat also angstlich die Einmischung jeder fremden Aufier* lichkeit zu meiden, die das Wesen und den Stil des Buches stort. Es sind leider zu wenige Künstler, die sich mit ihrer grofien Begabung und Bildung den hohen Anforderungen des guten Buches gewachsen zeigen, aber es gibt viele Maler und Gebrauchsgraphiker, die sich ahnungslos und sehr verwegen nebenbei und gelegentlich mit dem Buch zu tun machen und es in aller Un* schuld vergewaltigen. Sie haben, vielleicht im Auftrage von Verlegern, die mit Vorliebe für ge* schaftstüchtig gehalten werden, doch sicher auch aus eigenem Antrieb, auf dem Einband des Buches

Gebrauchsgraphik de | 1925 | | page 14