freuen, sondern auch sich dem Verstande in einer bestimmten Richtung mitteilen. Sie soil die Stim* mung vorbereiten, die derLesendebraucht, sie soil, bevor man noch eine Zeile gelesen hat, in den Gedankenkreis des Buches zwingen. Gleichzeitig soil der Einband, wie jeder andere Gegenstand, einen würdigen Bestandteil des Raumes und in diesem der besonderen Stelle, an der das Buch auf* bewahrt wird, bilden. Das ist, wie man sieht, eine recht komplizierte Aufgabe. Und die Sünden, die am Verlegereinband begangen werden, rühren in der Hauptsache daher, daB der entwerfende Künstler meist nur einen Teil dieser Aufgabe im Auge gehabt hat. Aber noch ein anderes kommt hinzu, um die künstlerische Arbeit am Verlegereinband zu kom* plizieren. Der Besteller, namlich der Verleger, ver* langt nicht nur einen schonen Einband, er will und er will dies zum Schaden des Einbandes oft in erster Linie daB dieses das Werbemittel des Buches sei. Er fragt nicht danach, was der spatere Besitzer mit dem Buch anfangt, sondern ihm liegt nur daran, daB es überhaupt-einen Kiiufer findet. So soil der Einband das Lockmittel für den Kaufer werden. Aus diesem Grunde verlangt der Verleger einen recht auffalligenEinband, wahrend die kunst* lerische Forderung nur die sein kann, dem Ein* band, der ja Stimmung vorbereitend und nicht Stimmung raubend sein soil einen auf vor* nehmer Zurückhaltung beruhenden künstlerischen Charakter zu geben. Ganz aber kann ich den Künstler von den am Verlegereinband begangenen Sünden nicht frei* sprechen. Sie sind am deutlichsten bei demjenigen Teile des Einbandes zu spüren, der bei der Ver* einigung vieler Bücher zu einer Bücherei der so gut wie allein sichtbare bleibt: namlich beim Ein* bandrücken. Die meisten Künstler, die Buchein* bande entwerfen, scheinen den Rücken nur als langliche viereckige Flache, die man nach Belieben verzieren kann, anzusehen und nicht als einen Be* standteil des Einbandes. Aus diesem Grunde bietet der Rücken ein Tummelfeld für allerhand Orna* mentik, in die der Titel oft wie ein notwendiges Übel hineingepfercht ist und meist vom Werkstoff so wenig wie möglich freilaBt. Was die Einband* deckel betrifft, so ist es bei der Fülle ihrer ver* schiedenartigen Bemusterungen unmöglich, hier auch nur eine «oberflachliche Beschreibung« zu geben. Man findet ebenso oft Bilder, die rein illustrativ sind, wie ornamentale Zeichnungen, wie lediglich denTitel in meistrechtauffallender Weise. Wenn aber unsere Buchgewerbekünstler genau hinsehen, so werden sie feststellen, daB je vor* nehmer ein Buch zu erscheinen sich bemüht, je starker der bibliophile Charakter vom Herausgeber betont ist, desto sparlicher die Einbandzeichnung sein wird, desto starker Bedacht darauf gelegt sein wird, die Werkstoffe des Einbandes zum schmückenden und tonangebenden Element zu gestalten. Unddamit komme ich zu meiner «idealen Forde* rung«. Der Einband des Buches muB, wie das Gewand des Menschen, ebenso Schutz und Hülle wie Schmuck sein. Dieses doppelte Amt kann er nur erfüllen, wenn der »Stoff«, aus dem er besteht, in seiner Eigenart zum vollen werkkünstlerischen Ausklang gebracht wird. Kurz und gut: der Ein* bandstoff ist nicht wie die Leinwand des Bildes nur Untergrund, der nach Belieben bemalt werden kann. Der Einbandstoff und nicht zuletzt die Binde* technik sind das Primare, und das, was man Ver* zierung nennt, darf erst dann dazu kommen, wenn Struktur, Farbe und Eigenart des Stoffes es zu* lassen; diese Verzierung des Einbandes mufi ferner als eine typische»E i n b a n d«* Verzierung sich geben, d. h. als eine solche, die nur auf einem Bucheinband denkbar ist, und sie muB auf die Besonderheiten der Einbandtechnik Rücksicht nehmen. Damit ist für den Buchgewerbekünstlerder Weg, den er zu gehen hat, ziemlich genau vorgezeichnet. Des Weges Beginn liegt wie gesagt, bei den Ein* bandstoffen und nicht bei der Verzierung. Ich kann mir denken, daB hier eine entsagungsreiche Auf* gabe vom Künstler verlangt wird. Aber welcher Gebrauchsgraphiker, welcher »Zweckkünstler« ist sich nicht der Pflicht der Unterordnung, sei es unter die Form, denZweck oder den Werkstoff bewuBt? Und wenn wir genauer hinsehen, so ist die Arbeit, diederBuchgewerbekünstlerbeimVerlegereinband zu leisten hat, so belanglos wirklich nicht, denn sie besteht keineswegs in der bloBen Zusammen* stellung und Angabe vorhandener Bestandteile des Einbandes. Schon bei der Formgebung kann der Künstler individuelle Arbeit leisten. (Sind nam* lich die Bogen auf derFadenheftmaschine geheftet, so wird dem Rücken auf der Rundemaschine die gewölbte Form gegeben.) Der Buchbinder tut hier leicht des Guten zuviel, er gibt dem Rücken all* zuoft eine fast halbkreisförmige Gestalt, was aber den rechtwinkligen Gesamteindruck des Buches zerstört. Es ist für den Künstler bereits hier sehr reizvoll, die richtige Rundung des Rückens festzustellen oder gar den geraden Rücken zu wahlen. Da die asthetische Erscheinung des gebundenen Buches 41

Gebrauchsgraphik de | 1925 | | page 50