geworden. Als Treuhander des Verlegers arbeitet der Buchkünstler, um das Buchwerk von seinem ersten Werden an bemüht, gestützt auf Kenntnisse und Erfahrungen und ein in harter Arbeit erwor* benes Können. Technisch einwandfrei arbeitende Druckereien und Buchbindereien sind seine Ins strumente, und seinkünstlerischerGedankebewegt und führt hunderte von »Handen« des Buch* gewerbes. Am sichtbarstenwird seine Tatigkeit imEinband. Elier, am Eingangstor zum Buche, kann er vor allem seinKönnen undseinePhantasiezeigen. Aber diese Phantasie darf nicht nur eine künstlerisch* geistige, sondern muli ebenso eine handwerklich* technische sein. Nicht nur darauf kommt es an, mit kostbarstem Material Einzelwerke zu schaffen, sondern auch darauf, mit einfachstenMitteln Bestes hervorzubringen. Es gilt nicht allein, die bestges schuiten handwerklichen Krafte undedelstenbuchs binderischen Techniken zu leiten und zu benutzen, sondern den Geist der Maschine zu erfassen und aus den grundsatzlich veranderten Produktionss weisen unserer Zeit die gröBten und besten Mögs lichkeiten herauszuholen. So muB sich seine Phantasie ebenso wie sein Denken und Handeln teilen. Kein Gebiet der buchgewerblichen Produs tion gibt es, dem er nicht mit technischen Verstands nis gegenübertreten, keinen Arbeitsgang, den er nicht mit künstlerischen Instinkten zu veredein trachten muB. So steht heute der aus einem Bedürfnis der Zeit undderArbeitsteilunggewordeneTypusdesneuen Buchkiinstlers da. Und doch sind es nicht allein diese künstlerischstechnischen Forderungen, die er erfüllen muB, darüber hinaus ist es seine Aufs gabe, mit gröBter Einfühlungskraft das geistige Wesen des ihm anvertrauten Buchwerkes zu ers fassen, denn nur auf diesem Wege wird er in der Lage sein, ihm daspassende Gewand zu geben. Mit Sicherheit und Einfühlung muB er das Wesen des Buches erleben, den Geist des Dichters und seiner Zeit begreifen. Nicht darauf kommt es an, dab er alle Bücher, die er auszustatten hat, kennt, oder gar liest, (eine glatte Unmöglichkeit bei vielbeschaf* tigtenBuchkünstlernundbei der manchmal leider etwashastigenBuchproduktion) aber sein Wissen und seine Bildung sei derart, daBermiteigenartiger Treffsicherheit das Wesentliche erfassen zu können in der Lage ist. Wohl kaum von einem im Dienste eines Gewerbes stehenden Künstler wird daher so viel verlangt, an keinen künstlerisch Dienenden so groBe Ansprüchegestellt, wie an denBuchkünstler. Aber er dient willig und gern, denn die künst* lerischen Freuden und Genüsse, die ihm selbst aus seiner Tatigkeit erwachsen, lohnen jede angewandte Mühe und Arbeit tausendfaltig. Seine Absichten verwirklichen zu können, seine Gedanken im Ma* terial erstehen zu sehen, ist sein schönster Lohn. Die minutiöse Genauigkeit, die seine Arbeit erfor* dert, das architektonische Gefüge, das er ihr in jedem einzelnen Teil geben muB, bringen allmah* lich eine innere Sicherheit hervor, die die Grund* lage seiner Tatigkeit wird. In ihr darf es nichts Halbes, nichts Schwankendes und Ungewisses geben, nur Klarheit, Sauberkeit und deutliche Übersichtlichkeit. Allmahlich muB er es lernen, auf feinste Reize zu reagieren, delikateste Farben* stimmungen zu erfinden und mit möglichst ein* fachen Mitteln erstrebte Wirkungen zu erzielen. SeinePhantasiedarf nieungezügelt odergewalttatig sein. Seine Kunst, der musikalischen Begleitung des Gesanges vergleichbar, hat nur die eineAufgabe, dem Buchwerk die beste Form zu geben. Sein historisches Empfinden sei von besonderer Art. Es kommt durchaus nicht darauf an, daB er seinem Werk ein geschichtlich*zeitgenössisches Mantelchen umhangt, sondern vor allem sei es die künstlerische Stimmung, die aul den Beschauer glaubwürdig wirken soil. Er selbst habe eine richtige Vorstellung vom Geist der betreffenden Zeit, dann wird er es vermogen, seinem Werke das entsprechende Gewand zu geben. Die ihm gestellten Aufgaben sind so vielfaltig wie die reiche Produktion unserer Verlage. Heifit es heute für ein Werk alter Literatur oder eines Romantikers den Einband zu entwerfen, so ist es morgen ein Band exakter Wissenschaft, der um< kleidet werden soil. Welch ein Unterschied der Charaktere, welcher Wechsel der Stimmungen. Einmal gilt es, ein originell zierliches Bandchen zu schaffen, ein andermal eine Klassikerreihe, deren Wirkung nicht allein im Einzelbuch, sondern in dem Nebeneinander Vieler zu liegen hat. Niemals darf er in eine Einzelform, einen Ornamentdetail, immer nur im Ganzen des Buches denken. Er muB die Stimmung erzeugende Kraft der Farbe ebenso genau kennen wie jene, die von den Schrifttypen ausgeht. Seine Arbeit kann aber nur dann von Erfolg ge* krönt sein, wenn er sich das Vertrauen des Verlegers zu erwerben und zu erhalten versteht. Er sei sein Treuhander. Seine Ablehnung hat Falschem und Unechtem zu gelten, aller Imitation und allem Schund. Niemals darf er seine Kunst dazu her* geben, mit schlechtem Material zu arbeiten, nie* mals zu dem Versuch, eine edle Technik durch eine 83

Gebrauchsgraphik de | 1925 | | page 94