Das ist eine Forderung, der die Gebrauchs* graphiker und glücklicherweise auch andere Leute, die etwas davon verstehen, nicht zustimmen. In demVortrage, den derReichskunstwart Dr. Redslob für den BDG. im vergangenen Winter hielt, kam die gegenteilige Ansicht deutlich zum Ausdruck. Er sagte dem Sinne nach damals etwa: „Der bis* herige Gebrauchsgraphiker zeichnete zu viel, er war ein Zeichner, ein Reklamezeichner. Der heutige und der zukünftige Gebrauchsgraphiker ist ein Gestalter, er denkt nicht nur flachig, sondern auch raumlich." Der Vortragende zeigte das sehr fein und überzeugend an bland einer Reihe neu* zeitlicher Packungen, die nicht in erster Linie ge* zeichnet, sondern als Ganzes, als Würfel, als Zylinder usw.gestaltetwaren. Dieses schöpferische Gestalten trifft aber nicht nur auf Packungen zu, sondern greift fast auf das ganze Gebiet der Gebrauchsgraphik über. Das versteht aber Herr Kropff nicht. Solche Gedankengange sind ihm völlig fremd. Für ihn ist der Gebrauchsgraphiker nur ein Zeichner. Da er nun diesen Beruf nicht erfassen kann, ist es eine hochnasige AnmaBung von ihm(gegendie energischVerwahrung eingelegt werden muB) dem Künstler Winke und Wege zeigen zu wollen über die Ausbildung des Nach* wuchses. Der Beruf des Gebrauchsgraphikers ist damit nicht erschöpft, dafi er ein ausführendes Organ des Reklamechefs ist. Der Beruf des Ge* brauchsgraphikers umspannt viel mehr, als sich die Reklamefachleute gern traumen lassen mochten. Weil der deutsche Gebrauchsgraphiker nicht der Flandlangerdes Reklamechefs sein kann,istauch die deutsche Reklame, der mit ganz besonderer Absicht immer wieder so hoch gepriesenen amerikanischen, überlegen. Man vergleiche doch einmal amerika* nische Packungen mit deutschen, man vergleiche doch die Zigaretten Ausstattungen mancher deutschen Hauser mit amerikanischen, man ver* gleiche die besten Schaufenster und Firmenschilder. Die besten deutschen Beispiele sind den besten amerikanischen anZahlund künstlerischerQualitat überlegen. Man reite doch nicht immer nur auf den Inseraten herum! Als ob die ganze Reklame aus Inseraten bestünde! Aber selbst auf diesem Gebiete braucht der deutsche Graphiker den Vergleich mit dem amerikanischen nicht zuscheuen. Freilich der Reklamefachmann! Aber da hat es der Amerikaner leicht, deutsche Reklamefachleute gibt es nach ihrem eigenen Eingestandnis gar nicht. Der Deutsche ist ein zu gelehriger Schüler, wo es sich um Auslanderei handelt. Es ist doch gewiB eine gröBere und wichtigere Werbetat, eine geschmack* volle, sinngemaBeHülle für ein Fabrikatzu schaffen, als ein Inserat zu verfassen. Das eine ist eine praktische Tat, das andere ein Versuch, der nur zu oft nutzlos ist. Bei uns in Deutschland, Österreich, der Schweiz auf dem Gebiete der Gebrauchsgraphik (das eben viel mehr umspannt als der Name sagt und als die meisten glauben) ein Spriefien und Blühen der vielfaltigsten Möglichkeiten, drüben in Amerika ein Rezept, dem sich alle bedingungslos unterworfen haben. Der Verein der Reklamefachleute besteht schon eine ganze Reihe von Jahren. Jetzt stellt sich heraus, daB es gar keine Reklamefachleute gibt. Das ist für die Beteiligten überaus peinlich. Es gibt aber Gebrauchsgraphiker, Reklame* künstler, die schon seit Jahrzehnten erfolgreich wirken und der deutschen Werbegraphik auch im Ausland den geachteten Namen verschafft haben. Diese T atsache ist zwar nicht wegzuleugnen, aber sie ist den Reklamefachleuten unbequem. Begreiflich. Sie sehen ein, daB ihr sogenannter Beruf krank und faul bis ins Mark ist und behaupten nun, daB auch der Beruf des Reklamekünstlers gesund gemacht, auf den richtigen Boden, auf das richtige Niveau gerückt und gedrückt werden müsse. Es gibt keinen Reklamefachmann. Dieser Fest* stellung von A. Halbert wollen wir gern zustimmen. Aber es gibt Gebrauchsgraphiker, eine ganze Anzahl sogar, die jeder Fachkritik standhalten. Leute, die ihr Handwerk gelernt haben. Leicht lieBen sich da 50 und mehr Namen anführen. Der Gebrauchsgraphiker hat es also nicht nötig, vom ReklamefachmannLehren entgegenzunehmen, wie sich seine Ausbildung zu vollziehen habe. Und was für Lehren! Ehe wir darangehen, diese Lehren zu untersuchen, sei zuerkannt, daB an sich gegen Reklamehoch* schulen oder Seminare nichts einzuwenden ist. Auch nichts gegen eine zeitweilige, gemeinschaft* liche Ausbildung von künftigem Reklamefachmann und Reklamekünstler. Auf eine Gefahr für den Künstler soil trotzdemaufmerksam gemacht werden. Der ideale Reklamefachmann, wie ihn Kropff sieht, mufi sehr viel wissen. Aber auch dem»zeichnenden Künstler« brummt er allerlei Wissenschaft auf, als da sind: Wirtschaftspsychologie, Reklamepsycho* logie, allgemeine Wirtschaftsgeschichte unter besonderer Berücksichtigung der Entdeckungen und Erfindungen, welche Handel und Industrie stark beeinfluBten, Geschichte der Reklame, Wirt* schaftsgeographie usw. Man lese es nach Heft 10 Seite 11 und 12. Dem Künstler kann zu vieles Wissen schaden. Das Wissen schlagt auf die Un* 85

Gebrauchsgraphik de | 1925 | | page 96