mittelbarkeit der Empfindung, engt sie ein. Die I heorie lahmtdasUnbekümmertederGestaltungs* kraft. Unwillkürlich fallen einem da einige in ihrem Schaffen tragische Persönlichkeitenvonder»hohen« Kunst ein, deren zu groBe, universale Bildung ihre Kunst ungünstig beeinfluBte, z. B. Max Klinger. Der Gebrauchsgraphiker ist dem freien Künstler verwandter als dem »Reklamefachmann«. Das darf man nicht vergessen und auch nicht, daB das gröBte Wissen um Reklamepsychologie und um die Wirtschaftskunde von Asien, Afrika, Australien, von Nord* und Südamerika.noch kein gutes Inserat macht. Jedoch kann dieses gute Inserat ohne die Spur eines solchen Wissens.ausdemkünstlerischen Instinkt heraus geschaffen werden. In gewissem Sinne ein Beweis dafürist, daB, was Kulturfördern* des auf dem Gebiete der Reklame in Deutschland bisher geleistet wurde das ist gar nicht wenig zu 80 Proz. der Gebrauchsgraphik zukommt. Nun zur Ausbildung des Gebrauchsgraphikers. Kropff schreibt darüber: »Der Reklamekünstler verlaBt entweder mit 15 Jahren die Mittelschule und kommt in die Lehre in eine Lithographies Anstalt, Schildermalerei in ein Reklameatelier oder einen ahnlichen Betrieb und bleibt dort 3 Jahre. Oder er absolviert die Mittelschule und verlaBt sie ebenfalls mit 18 Jahren. Besser ist der erste Weg, weil er neben der Erlernung des rein HandwerksgemaBen Gelegenheit hat, sein zeich* nerisches Können zu entwickeln. Im gleichen Alter wie der zukünftige Reklamechef bezieht er die Reklameschule, um mit ihm nach zwei Jahren fertig zu sein. Allerdings wird es für diejenigen, die erst mit 18 Jahren das praktische Training des Zeichnens begonnen haben, sehr schwer sein, in dieser relativ kurzen Zeit die notwendige technische Fertigkeit zu erlangen«. Wenn der Gebrauchsgraphiker diese Satze liest, wird er mit Recht ein wenig argerlich. Es istweniger derVorschlag ansich.alsdieGesinnung, die zwischen den Zeilen liegt, die ihn erbost. 1st etwa in den Plakaten Scheurichs, in den Packungen Hans Schreibers, in den IndustriesHolzschnitten Strohmeyers, um nur einige anzuführen, das «prak* tische Training des Zeichnens«, die «notwendige technische Fertigkeit», wie man sie beim Schilders maler lernen kann, das Wesentliche? Nein! Diese «technische Fertigkeit« spielt dabei eine iiuBerst untergeordnete Rolle, sie kommt neben dem übers raschenden Wurf, der Schlagkraft des schöpfes rischen Gedankens, dem Reiz des persönlichen Ausdrucks überhaupt kaum in Erage. Wir können Kropff auch für den Rat nicht dankbar sein, daB der zukünftigeGebrauchsgraphiker statt wie bisher eine Kunstgewerbeschule zu besuchen, drei Jahre Schildermaler zu lernen habe, um das «rein Hands werksgemaBe zu erlernen«und sein»zeichnerisches Können zu entwickeln«. Man kann sich diese künfs tige Ausbildung leicht ausmalen. Der ausgelernte Schildermaler wird also auf das Seminar für Reklas me geschickt. Drei lange Jahre (oder auch vier) hat er als Lehrling dreckig und speckig auf Gerüsten gearbeitet, die Werkstatt aufgeraumt, alte Schilder abgekratzt, abgelaugt, gebimst, Bleche grundiert, Pausen übertragen, für die Gehilfen Bier geholt, Leitern geschleppt, Karren geschoben, Farbtöpfe gereinigt und auf einem Schuttfeld vor der Stadt ausgebrannt, den Ofen geheizt alles Dinge, die ein zukünftiger Reklamekünstler durchaus mits gemacht haben muB. Dann kommt er also auf das Seminar und hört Vortrage über die «physischen anthroposgeographischen Grundlagen der Wirts schaft«, noch schoner ist, er übt sich in «Betrachs tung und Kritik neu zu entwerfender Reklamemittel und Graphiken«. (Preisfrage: wie betrachtet und kritisiert man Reklamemittel und Graphiken, die erst noch entworfen werden müssen?) Nein, da ist der bisherige, normale Entwicklungss gang des Gebrauchsgraphikers doch wohl besser und man darf sich von den bisherigen Methoden mehr versprechen. Wenn der junge Mensch, der die Schule verlaBt,eine Kunstgewerbeschule bezieht und tüchtig lernt, dann in ein Atelier eintritt, die Praxis kennen lernt und sich so.langsam aber sicher, zum Gebrauchsgraphiker entwickelt, so ist ihm besser geholfen. Wir wollen unterdessen danach trachten, auf die Lehrplane der Kunstgewerbeschule EinfluB zu bekommen und dem Kunstgewerbe* schüler die Atelierpraxis zu erleichtern. Wenn bis dahindieReklameseminare ins Leben gerufen sind, ist es sicherlich kein Fehler, wenn der junge Graphiker auch da die notwendigen Kurse besucht. Der »Reklamefachmann« hat es leichter, neue Wege zu gehen. Er hat nichts zu verlieren. Er ist vorlaufig ja bloB ein Astralleib, der auf der Suche nach seinem eigentlichenKörper ist. DerGebrauchs* graphiker aber war, ist und wird sein. Er muB die vorgeschlagenen Wege und Ziele prüfen, ob es nicht Holzwege oder Sackgassen sind.

Gebrauchsgraphik de | 1925 | | page 97