OTTO FIRLE Die Architektur unserer Zeit ist in einer völligen Umstellung begriffen. Das frühere Ideal der Representation und der „schonen Fassade" ist gestürzt. Die konstruktiven Möglichkeiten unserer Zeit, das Tempo ihrer Entwicklung, die Anforderungen, die der gesteigerte Konkurrenzkampf an die Werbung stellt, fordern durch ihre Voraussetzung neue Lösungen. Die aufterordentliche Entwicklung der Elektrizitatsindustrie hat für die Werbung ein völlig neues Gebiet immer starker in den Vordergrund gestellt: Die Lichtreklame. Die Geschaftsstraften, die noch vor zwanzig Jahren vorwiegend durch die allgemeine Straflen- beleuchtung und die sich ihre unterordnende Beleuchtung der Schaufenster lichtmaftig einen geschlossenen und ruhigen Eindruck machten, strahlen heute in zügellosem Durcheinander der sich gegenseitig überbietenden Lichtreklamen. Aus dem Brodem der Nacht, scheinbar am Himmel schwebend, schreien in grellen Farben die Lichtreklamen ihre Werbung hinaus. Aufflammend und erlöschend, als laufende Ketten, als fallende Lichtbündel und aufzüngelnde Garben, oft in riesigen Dimensionen, suchen sie ihre Konkurrenten zu toten. Bald wird es so weit sein, daft eine Fassade, die keinerlei Beleuchtung tragt, das ermüdete Auge in verblüfftem Erstaunen auf sich zieht und durch seine dunkle Bescheidenheit für sich werbender wirkt, als die im Licht schreienden Konkurrenten. Hier liegt die fundamentale Erkenntnis für die Wirkung jeder Lichtreklame: Wo Licht ist, muft Schatten sein!

Gebrauchsgraphik de | 1931 | | page 24