E LS B ETH HEDDENHAUSEN Es klingt kaum glaublich und doch ist es so: Vor 7 oder 8 Jahren gab es in Berlin neben Spezia- listen für Innenarchitektur usw. fast nur Portratfotografen und kaum einen, der imstande gewesen ware, irgendeinen einfachen Gebrauchsgegenstand technisch und künstlerisch einwandfrei zu foto grafieren. Damals war die „neue Sachlichkeit", dieses so schnell abgegriffene Schlagwort, noch nicht erfunden, und voller Bewunderung schaute man noch nach Amerika, wo die Fotografie etwa einer Schüssel und eines Eis mit ihren sich überschneidenden Kurven als hohe Kunst gefeiert wurde. Es ist ein altes Gesetz: Neue Aufgaben schaffen sich selbst die Menschen, die sie iösen können. Gerade zu jener Zeit, also vor etwa 7 oder 8 Jahren, brauchte der Verlag Ullstein für seine Sonder- hefte sehr viel sachliche Fotografien, die gleichzeitig auch künstlerisch befriedigend sein sollten. Und da es niemand gab, der solche Aufnahmen machen konnte, mufite jemand gefunden werden. Eine junge Fotografin fiel damals durch die strenge Redlichkeit ihrer Arbeiten auf. Man steilte sie in ein winzig kleines Atelier, das mit dem allernotwendigsten Material ausgerüstet wurde und sagte zu ihr„Das und das wird gebraucht. Nun sieh zu, was Du machen kannst." Das Ergebnis war über- raschend. Die Aufnahmen, die aus dem kleinen Atelier hervorgingen, waren meisterhaft. Sie waren zweckmaftig und dabei gleichzeitig von hohem künstlerischem Reiz. Allein durch dieses Vorbild entstand hier so etwas wie die Keimzelle einer neuen Art zu fotografieren. Es ist kaum eine Uebertreibung, wenn man sagt, daft Elsbeth Heddenhausen, die man auf diesen neuen und ver- antwortungsvollen Posten gestellt hatte, durch ihre Arbeiten bahnbrechend für die neuere „Gebrauchsfotografie" wurde. 28

Gebrauchsgraphik de | 1931 | | page 48