BESPRECHUNGEN 65 offen stünde: namlich der, nachzuweisen, daB es ein strenges System der statistischen Sünden gibt. Wie soil man aber aus der ungeheuren Fülle der statistischen Irrtümer, über die man fortwahrend stolpert, ein System aufbauen? Vielleicht, so sagte ich mir, muB man einmal versuchen, alle statistischen Fehlermöglichkeiten aufzu- zeigen." Und in den drei Abschnitten seines „Narrenspiegels" ist es Wagemann in der Tat gelungen, in amüsanter und humorvoller Weise die Fehlerquellen aufzudecken, denen jede unsachgemaB angefangene Statistik ausgesetzt ist und die in der Regel der Grund für die üblichen An- griffe und MiBdeutungen der Statistik sind. Als Einlei- tung stel It Wagemann dem Werk eine kurze Abhandlung über „Die Entstehung der Zahl aus Zeit, Raum und Sprache" voran. Die drei Hauptteile behandeln „Kunst und Kummer des Zahlens", „Wege und Irrwege des statistischen Vergleichs", „Verfahren und Verfahrenes der Schatzung". In den SchluBbetrachtungen werden dann grundlegende Fragen erörtert: ob die Statistik Hilfs- oder Urwissenschaft ist und wie die Statistik die Welt sieht. Will man Wagemanns Buch besprechen, so muB man über die Form ebenso wie über den Inhalt berichten. Was zunachst den Inhalt anlangt, so sind immer aus- gehend von den statistischen Sünden und Fehlern wohl ziemlich erschöpfend alle Probleme behandelt, die vor und bei der statistischen Arbeit und der Auswertung von Statistiken auftauchen. Die Bildung stalistischer Massen, Methoden und Systeme statistischer Zuordnung, zeitliche und raumliche Gliederung, Bezugszahlen und Indexmethoden, Schatzung und Representation, Substi tution und Interpolation, Konjunkturdiagnose und Kon- junkturprognose: das sind einige der Begriffe, die an Hand von Beispielen erlautert werden, wahrend Fehler quellen und Gefahren aufgedeckt werden und bei denen gleichzeitig auch gezeigt wird, wie diese Fehler zu vermeiden sind bzw. wie weit aus den Zahlen Schlüsse gezogen werden dürfen, ohne daB man in Trugschlüsse verfallt. Wagemann bringt dabei eine „Schau böser Beispiele" als negatives Vorbild; er hofft mit Recht, daB sie sich erweisen „als Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft". Damit sind wir dann schon bei der Form des Buches, und Wagemann ist, wie in allen seinen Büchern, so auch hier bemüht, in Aufbau, Methodik und Stil die Wissenschaft in eine literarisch - künstlerische Form zu bringen. Das ist ihm in diesem Werk, wo er ein Feuer- werk von sarkastischen und mokanten Anmerkungen ab- brennen konnte, noch mehr gelungen als sonst, so gut gelungen, daB der Leser fast in Versuchung kommt, über der Form den Inhalt zu übersehen. Einige Male ist Wage mann in seinem Bemühen urn die Flüssigkeit des Buches zu weit gegangen: das „Indexmarchen vom geizigen König" etwa ist mehr Effekthascherei und daher schlechtere Literatur, als ein wissenschaftliches Buch vertragt. Man kann trotzdem das Buch, das über die Kritik und die Einsichten in die Fehlerhaftigkeit und die Fehlerquellen der statistischen Methoden zu einer Einführung in die Grundprobleme der Statistik kommt, nicht allein als amüsante Lektüre, sondern als wesentliches Hilfsmittel jeder Arbeit an und mit Statistiken empfehlen. Einige Abschnitte des Buches, die über unsinnige Auf- giiederungen statistischer Massen handeln, mogen als Leseprobe dienen: „So wie die Durchschniltsbildung zur Narretei ausarten kann, wenn sie eine allzu geringe Anzahl von statistischen Einheiten erfaBt (Habenichts plus Millionar gibt durchschnittlich einen Halbmillionar), er- geben sich auch leicht possierliche Feststellungen bei der Aufgliederung allzu kleiner Teilmassen. Wenn die Vieh- zahlung in Krahwinkel zu dem Ergebnis kommt, daB der dortige Viehbestand zu 50% aus Eseln und zu 50% aus Ziegen besteht, weil im Stadtbereich eine Ziege und ein Esel gehalten werden, so ist dies eine Feststellung, für die sich in der Literatur und seibst in statistischen Quellen- werken Parallelen finden lassen: Man braucht vielleicht nicht lange nach einer Statistik zu suchen, die in einem Dorf bei im ganzen zwei Geburten 50% eheiiche und 50% uneheliche Geburten registriert. Ich erinnere mich noch einer Anfrage im alten Reichstag betreffend die wachsende Unmoral in einem bayerischen Orte. Hier hatte die Statistik eine Zunahme der unehelichen Ge burten urn 200% konstatiert: eine Sündenstatistik, die da- durch veranlaBt war, daB eine Frau, die dem Zivilstande der Ledigen angehörte, Drillinge geboren hatte. Wenn eine Diphtheriesterblichkeit von 50% verzeichnet wird, obwohl im ganzen nur 10 Todesfalle gezahlt wurden, so ist dies nicht minder narrisch. Sieht man genauer zu, so ist dies mehr als ein Fehler des Ausdrucks. In Wirklichkeit handelt es sich urn eine falsche Abgrenzung der statistischen Masse. Wir können das hier vorliegende Problem als das Problem des Sandhaufens bezeichnen: Bei wieviel Sandkörnern be- ginnt der Sandhaufe? Erst eine genügend groBe Anzahl statistischer Einheiten machen eine Masse aus; und wird eine Gesamtmasse gruppiert, so können dabei so kleine Gruppen statistischer Einheiten entstehen, daB sie den Charakter als weiter aufzugliedernde Teilmassen ver lieren. Dies wird uns vorzüglich durch die Feststellung veran- schaulicht, daB unter den Hundertjahrigen auf je 1000 Manner fast 5000 Frauen kommen; in den GroBstadten gibt es überhaupt keine lOOjahrigen Manner, sondern nur Frauen. Die alten Weiblein sind vielleicht in die Stadt in die Nahe ihrer Urenkel gezogen, lm ganzen lebten im Jahr 1933 in Deutschland nur 61 Personen, die im Jahr 1833 und früher geboren waren. So kleine Gruppen sind keine statistischen Massen, die als solche einer wissenschaftlichen Ausdruckform zuganglich waren." Dr. P. Berlin. Die alte und die neue Stadt. 80 Zeichnungen von Georg Fritz. Text von Dr. Walter Puttkammer. Vorwort von Staatskommissar Dr. Julius Lippert. Klinckhardt Biermann, Verlag, Berlin. Georg Fritz, der sich durch seine imposante Radierfolge von Berliner Sehenswürdigkeiten einen Namen ge- schaffen hat, gibt jetzt in Federzeichnungen, die mit dem Schaber gewandt und sicher überarbeitet sind, eine gröBere Anzahl Berliner Ansichten heraus. Ja, es ist das alte und das neue Berlin,- selbstverstand- lich sind es vorwiegend die Rosinen aus dem groBen Stadtekuchen. Die riesenhaften Arbeiterquartiere ahnt man etwa auf dem Bilde „Horst-Wessel-Platz" oder im Bliek vom Rathausturm, einen Begriff von den imponierenden GeschaftsstraBen mit ihrem ge-

Gebrauchsgraphik de | 1935 | | page 91