WIRTSCHAFT UND WERBUNG DIE ELEKTRIZITATSVERSORGUNG ALS GRUNDLAGE DES ABSATZES ELEKTROTECHN ISCHER FERTIGWAREN 1. Die deutsche Energiepolitik. Die Elektrizitatswirtschaft ist in Deutschland seit Beginn des Jahres 1936 in eine neue Epoche ihrer Entwicklung getreten. Das am 13. Dezember 1935 erlassene Energie- wirtschaftsgesetz sichert ohne den Staat zu ihrem wirtschaftlichen Trager zu machen die staatiiche Ein- fluBnahme auf die Energieversorgung zur Durchsetzung der gemeinwirtschaftlichen Erfordernisse gegenüber den Eigeninteressen der Erzeugungs- und Verteilungsunter- nehmungen. Damit wird eine einheitliche Führung und Planung der gesamten Energie- und also auch der Elek- trizitatsversorgung herbeigeführt und als das Hauptziel der Energiewirtschaft die sichere und billige Versorgung der gesamten Bevölkerung mit Elektrizitat und Gas her- ausgestellt. Jede die Gesamtwirtschaft schadigende Aus- nutzung einer Monopolstellung einzelner Versorgungs- unternehmungen wird dadurch unterbunden, anderer- seits unnötige, volkswirtschaftlich gesehen oft verlust- reiche Kampfe dieser Unternehmungen gegeneinander ausgeschaltet. SchlieBlich kann auch nur so eine ver- teuernde Doppelarbeit der Energieerzeuger vermieden und eine höhere technische Ausnutzung der Versorgungs- anlagen erreicht werden. Es leuchtet ein, daB die Grund- satze der Energiepolitik, wie sie im Energiewirtschafts- gesetz zum Ausdruck kommen, sich sehr bald nicht allein in der künftigen Gestaltung der Energieerzeugung, son- dern auch in einer Ausweitung des Stromverbrauchs und damit in starkeren Absatzmöglichkeiten für elektrotech nische Erzeugnisse auswirken müssen. Daher muB die Energiepolitik als erster der Bestimmungsfaktoren des Marktes für elektrotechnische Erzeugnisse angeführt werden. DIE DEUTSCHE ELEKTRIZITATSWIRTSCHAFT 2. Deutschlands Elektrizitatsversorgung. 62 Das groBe Ziel der durch das Energiewirtschaftsgesetz eingeleiteten Energiepolitik ist nach dem Wortlaut des Gesetzes: „die Energieversorgung so sicher und so billig wie möglich zu gestalten." Diesem Grundsatz ordnen sich die anderen Leitsatze unter: die einheitliche Führung, der wirtschaftlich zweckvolle Einsatz der ver- schiedenen Energiearten, die Sicherung des öffentlichen Einflusses, die Verhinderung des volkswirtschaftlich schad- lichen Wettbewerbs unter Zubilligung weitesten Spiel- raums für die freie Wirtschaftsinitiative, soweit dem Ge- meinwohl damit gedient ist. Die wichtigsten Einzelbestim- mungen des Gesetzes, das zunachst erst ein Rahmen sein will und nach und nach durch Durchführungsverord- nungen erganzt werden soli, sind die folgenden: Die Aufsicht des Reichs, der die gesamte Energieversorgung unteriiegt, wird vom Reichswirtschaftsminister ausgeübt, dem vor dem Bau, der Erneuerung, der Erweiterung oder der Stillegung von Energieerzeugungsanlagen Anzeige zu erstatten ist und der aus Gründen des Gemeinwohls diese Planungen untersagen darf. Weiter ist wichtig, daB den Versorgungsunternehmungen eine allgemeine An- schluB- und Versorgungspflicht auferlegt wird. Das be- deutet, daB jedes Unternehmen verpflichtet ist, zu den von ihm bekanntgegebenen Bedingungen und Preisen in seinem Versorgungsbezirk jedermann mit Energie zu beliefern. Auf die Tarifpreise kann die Aufsichtsbehörde ebenfalls EinfluB nehmen. Sie kann sogar jedem Ver- sorgungsunternehmen den Betrieb untersagen, sofern es sich seinen Aufgaben und Pflichten nicht gewachsen zeigt, und sie kann in diesem Falie ein anderes Unter nehmen mit den Versorgungsaufgaben betrauen. Ein Versuch, die Frage zu beantworten, welches denn die wirtschaftliche Grundlage ist, auf der die neue deutsche Elektrizitatswirtschaftspolitik sich aufbaut, führt zur Erörterung des zweiten wesentlichen Bestimmungs- faktors des Elektromarktes: des Standes und der Ent wicklung der Elektrizitatserzeugung und -versorgung. Ein kurzer Ueberblick darüber ist in diesen Heften bereits früher gegeben worden („Gebrauchsgraphik" 1934, Heft 7), und es genügt, auf die Entwicklung der letzten Jahre hinzuweisen. Die deutsche Stromerzeugung und die Leistungsfahigkeit der Kraftwerke entwickelten sich wie folgt: Jahr Leistungsfahigkeit der Stromerzeuger in kW Stromerzeugung in 1000 kWh 1928 11 101 776 27 870 248 1929 12 416 073 l 30 660 828 1930 13 168 526 29 103 138 1931 13 049 221 25 787 978 1932 12 878 762 23 459 769 1933 12 874 900 25 654 300 1934 13 398 900 30 726 700 Für 1935 wird die Stromerzeugung auf etwa 35 Miilionen kWh geschatzt, so daB die letzten Jahre eine sehr starke Aufwartsentwicklung aufzuweisen haben mit einer Steigerung der Elektrizitatserzeugung von 1932 auf 1933 urn 9%, von 1933 auf 1934 urn 20% und von 1934 auf 1935 um etwa 14%. Der Tiefstand des Jahres 1932 ist damit seit langem überwunden, und sogar der Höchst- stand der Vorkrisenzeit, das Jahr 1929, ist seit 1934 über- flügelt. Auch die installierte Leistung der Stromerzeuger ist seit 1933 gestiegen. Die Statistik der Kraftquellen der deutschen Strom erzeugung zeigt in den letzten Jahren einen wachsen- den Anteil der Braunkohle, und zwar von 39 der Ge* samterzeugung 1932 auf 41% 1934, dementsprechend eine anteilmaBige Abnahme des Steinkohlenstroms von 37 auf 35 wahrend die Elektrizitatserzeugung aus Wasserkraft mit 16% 1934 gegen 17% 1932 nahezu un- verandert geblieben ist. Insgesamt wurdén erzeugt aus: 1932 1933 1934 in Mi(|ionen kWh festen Brennstoffen 17,98 19,86 23,64 davon Steinkohle 8,48 9,26 10,79 davon Braunkohle und Torf 9,27 10,44 12,70 4,02 4,09 4,61 1,14 1,39 2,12

Gebrauchsgraphik de | 1936 | | page 92