WIRTSCHAFT UND WERBUNG V ZELLSTOFF UND ZELLWOLLE 60 Im Anschlufi an den Bericht über die Zell stoff- und Papierindustrie, den wir im letiten Heft unserer Zeitschrift sum Abdruck brach ten, sei auf das Problem der Verwertung des Zellstoffs zur Zellwolleerzeugung nach- stehend noch ausführlicher eingegangen, das in dem erwahnten Bericht nur gestreift wor den ist, das aber angesichts der Inangriff- nahme des Vierjahresplans an Bedeutung für die deutsche Yolkswirtschaff noch ge stiegen ist. Das „Institut für Konjunkturforschung" stellt in seinem soeben erschienenen Vierteljahresbericht eine starke Be- lebung des Weltauftenhandels mit Zellstoff seit der zweiten Halfte des Jahres 1935 fest. Die neun wichtigsten Exportlander für Zellstoff (Schweden, Norwegen, Finn- land, Litauen, Deutschland, Oesterreich, Tschechoslowa- kei, Kanada und die USA.) führten im ersten Halbjahr 1936 14,6 mehr Zellstoff aus als in den gleichen sechs Monaten des Jahres 1935. In den lezten Monaten sind nach dem gleichen Bericht umfangreiche Bestellungen gemacht worden, so dab damit zu rechnen ist, daft die Ausfuhr ihren Anstieg weiter fortsetzt. Entscheidend für diese Nachfrage nach Zellstoff ist nach Ansicht des In stitutes immer noch der Bedarf der Papierindustrie, aufter- dem im gegenwartigen Zeitpunkt besonders auch der Wunsch der Verbraucher nach gröfterer Vorratshaltung. Zu einem Teil aber wird die Entwicklung auch auf die Vergröfterung der Kunstseiden- und Spinnfasererzeugung in vielen Landern zurückgeführt, wenn das Institut auch vor einer Ueberschatzung der Bedeutung dieser Industrie- zweige für den Gesamtverbrauch von Zellstoff warnen zu müssen glaubt, und es führt als Beweis hierfür an, daft für die Kunstseidenerzeugung der Welt im Jahre 1934 (rd. 414 000 t) nur etwa 5% der Zellstoff-Weltproduktion (10,5 Mill, t) erforderlich waren, fügt aber hinzu, daft für einen Teil der Produzenten, namlich die Hersteller von gebleichtem Sulfitzellstoff, die Verwertung des Zellstoffs zur Textilerzeugung ganz erheb- liche Bedeutung hat. Das zeigt sich darin, daft z. B. in Schweden und Norwegen der Anteil von gebleichtem Sulfitzellstoff an der gesamten Sulfitzellstoffausfuhr von 22,8% 1929 auf 39,2% im ersten Halbjahr 1935 und auf 41 im ersten Halbjahr 1936 stieg. Für Deutschland ist das Problem der Zellstoffverwertung für textile Zwecke allerdings ein weit bedeutsameres als für den Weltauftenhandel. Für die deutsche Volkswirt- schaft handelt es sich darum, die heimische Produktion von der Zufuhr auslandischer Rohstoffe nach Möglichkeit unabhangig zu machen; und für die Textilwirtschaft ist dabei die Ausdehnung der Kunstseiden- und namentlich der Zellwolleproduktion eines der dringendsten Erforder- nisse. Wahrend die Kunstseidenindustrie in Deutschland bereits einen ausgedehnten Produktionsapparat zur Ver- fügung hat, gilt der Zellwolle als der jüngeren, zukunfts- reichen Schwesterindustrie das Hauptinteresse. Die erste grofte Frage, die man bei Erörterung des Problems klaren muf}, ist wohl die, ob denn tatsachlich der Aus- und Aufbau einer Zellwolleindustrie die deutsche Wirtschaft rohstoffunabhangiger macht und ob der Grundstoff dieser Erzeugung, das Holz, in hinreichenden verwertbaren Mengen überhaupt zur Verfügung steht. Man darf dabei allerdings nicht von der Tatsache ausgehen, daft das in Deutschland anfallende Nutzholz im Jahre 1935 z. B. den Bedarf der Papierindustrie an Zellstoff nur etwa zur Halfte deckte, wahrend die zweite Halfte durch Fichtenholzeinfuhr namentlich aus Nord- und Osteuropa befriedigt werden muftte; hinzu kommt noch die Einfuhr von Zellstoff selbst, die jedoch durch die Ausfuhr von Fertigwaren ausgeglichen wurde. Diese Rohstoffbilanz ist aber schon für die Papiererzeugung insofern wesentlich ver- besserungsfahig, als durch neuartige Verfahren neben der Fichte die Kiefer in gröfterem Umfange als Rohstoff herangezogen werden kann. Zudem ist für die Kunst seiden- und besonders für die Zellwolleerzeugung die Herstellung von Zellstoffen aus Buchenbrennholz nicht nur möglich, sondern wirtschaftlich zweckmaftig, da die Buchenfaser für die Papiererzeugung nicht lang genug ist, wahrend für die Textilfasererzeugung die ursprüng- liche Faserlange des Holzes ohne Bedeutung ist. Buchen brennholz ist jedoch in reichem Mafte vorhanden, so daft die Zellwolleerzeugung sich tatsachlich zum gröftten Teil auf heimische Rohstoffe wird stützen können. Was ist nun eigentlich die „Zellwolle"? Mit diesem Ausdruck bezeichnet man jetzt einheitlich (an Stelle früher haufig gebrauchter Bezeichnungen wie Stapelfaser, Spinnfaser, Kunstspinnfaser usw.) den aus Zellstoff erzeugten Textilrohstoff, der im Unterschied zur Kunstseide nicht als Garn im endlosen Faden, sondern als verspinnbare Faser hergestellt wird. Die chemotech- nischen Verfahren, die dabei angewandt werden, sind verschiedenartig, und dem entspricht auch die Ver- schiedenartigkeit der Zellwollearten, so daft Zellwolle eigentlich nur ein Sammelbegriff ist. Die Zellwollfaser, die in gleichmaftigen Langen (Stapeln) geliefert wird, kann in gleicher Weise wie andere Textilrohstoffasern (Baumwolle, Wolle) und erforderlichenfalls mit anderen Fasern zusammen versponnen werden. Sie ist also im Wesen dasselbe wie andere Fasern, etwa Baumwolle und Leinen, auch: eine Pflanzenstoffaser, und sie hat dieselbe chemische Produktionsgrundlage wie die Kunst seide. Es handelt sich also bei der Zellwolle nicht urn einen Ersatzstoff, sondern urn einen normalen neuen Textilrohstoff, wie es die Kunstseide auch ist. Das Vor- urteil, das anfangs gegen den neuen Stoff herrschte, ist daher auch sehr bald einer Anerkennung gewichen, zumal in gründlichen Untersuchungen durch Sach- verstandige die hervorragenden textilen Eigenschaften des neuen Stoffes festgestellt wurden, die die Zellwolle für bestimmte Verwendungszwecke sogar den alt- bekannten Rohstoffen überlegen machen. So wurden in der „Berliner Börsen-Zeitung" vom 1. November folgende Feststellungen von Chemnitzer Sachverstandigen, die auf Grund einer Verspinnung der Garnnummer 40 in Kette und Schuft getroffen worden waren, veröffentlicht: „1. Die Verarbeitung der reinen Zellwollkettengarne sowie der Baumwoll-Zellwoll-Mischkettengarne bereitete

Gebrauchsgraphik de | 1936 | | page 90