GEORG HARTMANN 70 J AH RE 34 Jede junge Generation neigt dazu, sich selbst als eigenen Anfang zu empfinden. Sie hat immer recht damit, soweit sie in ihrem ungestümen Tatendrang, der noch durch keine Erfahrungen und Enttauschungen ge- hemmt ist, nicht ganz vergiBt, welchen Dank sie dem Vatererbe und den Gesetzen einer aus sich selbst her- aus lebendig gebliebenen Tradition schuldet. Denn was ware sie ohne den einstmals ebenso mutig aufstreben- den Jugendgeist, das Wissen und Werden der Vater, die in zaher Arbeit das Funda ment für kommende Geschlechter schufen? Jedes Unternehmen, das Lebensrecht und Lebenskraft in sich tragt, ist die Summe eines im ewigen Kraftespiel von Hingabe und Zuversicht Gewordenen. Wie alle Erscheinungen auf dem Ge- biete des geistigen und wirtschaft- lichen Tuns, so ist auch das SchriftgieBereigewerbe, wie wir es heute als industriellen Faktor und künstlerische Werkstatt sehen, nicht einfach dagewesen. Wenn wir heute auf den Reichtum un- seres schriftschöpferischen Vermo gens stolz sind und stolz sein können, so verdanken wir das nachst den Schriftkünstlern in er- ster Linie der Zielstrebigkeit eini- ger hervorragender Persönlich- keiten, die die Notwendigkeiten und Anliegen, die das Druck- gewerbe an sie steilten, in ihren Unternehmungen in rastloser Ta- tigkeit verwirklicht haben. Eine solche Persönlichkeit, in der sich unermüdliche Tatkraft mit zielbewuBter Umsichtigkeit verband, ist unser Ju- bilar Georg Hartmann, der Inhaber der Bauerschen GieBerei in Frankfurt am Main, der am 13. Juli seinen 70. Geburtstag begeht. Als Hartmann am 1. August 1898 das von dem vortrefflichen Johann Christian Bauer im Jahre 1837 gegründete Unternehmen und die mit diesem verbundene Barcelonaer Filiale: der bis auf das 16. Jahrhundert zurückgehenden SchriftgieBerei J. de Neufville von Eduard Kramer übernahm, stand das SchriftgieBereigewerbe vor einer entscheidenden Wende. Durch das Auftauchen der ersten brauchbaren Setz- maschinen muBte dem von ihm erworbenen Geschaft, dessen wirtschaftliche und technische Leistungsfahigkeit in erster Linie auf der Lieferung von groBen Werkschrift- mengen für den Zeitungsdruck beruhte, eine neue Grundlage gegeben werden. Der junge Inhaber sah sich vor die Aufgabe gestellt, die rein wirtschaftlich- technische Funktion der Schriftproduktion, die sie in dem an typographischen GroBtaten armen 19. Jahrhundert innehatte, durch Leistungs- und Qualitatssteigerung im Zuge eines unmittelbaren Anschlusses an die von Eng land ausgehende kunstgewerbliche Bewegung abzu- lösen. Diese durch die neue Zeit hervorgerufenen asthetischen Forderungen und Aufgaben hat er im Verein mit ausgezeichneten Mitarbeitern in klarer Er- kenntnis der Notwendigkeiten und Verpflichtungen ver wirklicht. So ist die Bauersche GieBerei in Frankfurt am Main unter seiner Leitung nicht nur auBerlich zu einem massiven Unternehmen, sondern vor allem auch zu einer Pflegestatte künstlerischen Form- und Gestal- tungsdranges gewachsen, der wir eine wesentliche Be- reicherung unseres heutigen schriftschöpferischen Be- sitzes verdanken. Es gelang ihm, Künstler von bedeutenden Gra den an sein reformfreudiges Ge schaft zu binden. Wir erinnern nur an bekannte Namen wie Hein- rich Wieynck, dessen „Trianon" (1905) zu einem beispiellosen Er- folg wurde, an Georg Barlösius („Barlösius-Gotisch", 1906) und an AugustHaiduk („Haiduk-Antiqua", 1909). Die Beziehungen zu E. R. WeiB, dessen schriftschöpferisches Gesamtwerk in der Bauerschen GieBerei vereinigt ist, gehen bis zum Jahre 1905 zurück. Durch den 1912 erfolgten Erwerb der Leipziger Firma A. Numrich Co., die reiches Musiknotenmaterial mitbrachte, sowie der Schriftgie- Berei von Flinsch mit ihren erfolg- reichen Schriften, die, durch wei tere Garnituren und Neuschnitte erganzt wurden, und nicht zuletzt durch die Gründung einer Ver- kaufsstelle in USA. (The Bauer Type Foundry, Inc., New York) hat Georg Hartmann das Frankfurter Haus zu einem Unternehmen von Weltruf und weitreichender künst- lerischer und wirtschaftlicher Bedeutung ausgebaut. Man denke in dieser Beziehung vor allem an die plan- vollen Bemühungen nach dem Weltkriege: an die Her- ausgabe der Neuschnitte der Schriften von Bodoni und Baskerville, mit denen eine ruhmreiche Tradition auf- genommen wurde, an die neuen Schriften von E. R. WeiB, Heinrich Jost, Paul Renner und F. H. Ernst Schneid* ler, die das typographische Bild unserer Zeit in einem bedeutenden MaBe bereichern und bestimmen. In alien diesen Bestrebungen zeigtsich der unermüdliche Arbeits- eifer eines Mannes, der immer bereit ist, das Erwor- bene nicht nur in Stetigkeit zu entwickeln, sondern auch immer wieder dem Jungen und Neuen zu dienen. Wer einmal das Glück hatte, diesen Mann auch persönlich kennenzulernen, ist beglückt von der Lauterkeit seines Wesens und den hohen Graden eines künstlerischen Formsinnes. DaB die Tugenden einer solchen starken Persönlichkeit uns und dem SchriftgieBereigewerbe noch viele Jahre erhalten bleiben mögen, das ist unser herzlicher Wunsch zu Georg Hartmanns 70. Geburtstag, zu dem auch wir ihm heute unseren GruB entbieten. Waither g. Oschiiewski

Gebrauchsgraphik de | 1940 | | page 78