56 aus der Anschauung, als Amateure ihre ersten, schreiend bunten Diapositive auf die Wand proji- zierten, und hastige Geschaftsleute sich des neuen „Schlagers" bemachtigten, um übereilte Resultate der Farbenphotographie zur Schau zu stellen, die weder technisch noch geschmacklich den berechtigten Anforderungen an ein farbiges Bild genügen konnten. Der Start war ungünstig. Seine Uber- hastung wollen wir nicht entschuldigen. Aber wir mochten versuchen, sie zu erklaren. Farbe ist ein erregendes Element, ein Element der Freude. Als der Farbenfilm für die Kleinbiidkamera in den Han del kam, stürzte man sich darauf, wie der Hungrige auf die Speise. Nun endlich würde man ihn so photographieren können, wie er wirklich war, den blauen Himmel und die grüne Wiese darunter. Das Ergebnis war ein grüner Klecks mit einem blauen Loch darüber. Die Farbenphotographie ist zwar nicht Malerei, und das ist eine wichtige Einsicht, die zu gewinnen bleibt, wahrend wir umgekehrt wohl wissen, daft Malerei, die wie Photographie aussieht, im Bereich der Kunst nichts zu schaffen hat. Vorlaufig pladieren wir da- für, Nachsicht zu üben. Lassen wir die Freude an der Wiederentdeckung der Farbe sich austoben. Der Uberschwang wird verebben, die Einsicht kom men, die Disziplin sich einstellen. Und auch der Farbensinn. Wir werden bei den Malern in die Schule gehen müssen, nicht um sie nachzuahmen, sondern um zu erfahren, wie die Gesetze beschaffen sind, nach denen sich ein Bild gestaltet, wie die Farbverteilung aussehen mufi, wie das Leitmotiv widerklingt und ausklingt, wie die Beschrankung den Meister macht. Wir werden dann, durch die Museen gehend, einen Rubens nicht mehr deshalb bewun- dern, weil er ein Rubens ist, sondern den Rubens im Rubens, den Herrn der Farbe. Und dann wer den wir auf zahllose Motive „nach der Natur" zu- gunsten des Malers verzichten, der mit seinen Mit- teln die störenden Farbelemente übergehen, die be- glückenden betonen und verknüpfen kann, was der „naturwahren" Farbenphotographie aus Gründen ihrer Technik nicht möglich ist, will sie nicht das eigene Handwerk verfalschen und ins Kolorieren ab- fallen. Denn die Farbenphotographie soli und will nicht „kolorierte" Photographie sein, sondern das Wunder ihrer Technik in adaquatem Sinn benützen. Sie wird mit gröftter Umsicht ihr Aufnahmeobjekt auswahlen oder zusammenstellen, wird das Spiel des Lichts mit der Farbe genauestens beachten, den bildgemaften Ausschnitt mit der Wahl des Standorts in Einklang bringen und nie vergessen, worauf allein es ankommt: auf das Farbengebilde, das wohlgebil- dete Gebilde aus zusammenklingenden Farben, auf eine Melodie. Die Schwarz-Weift-Photographie kann uns dabei nur wenig lehren, denn sie ist kein Farbgebilde, son dern, gleich den Produkten der Graphik, ein Licht- gebilde. Und das ist etwas Grundverschiedenes. („Grundregeln", die das Aufkommen der Schwarz- Weift-Photographie begleiteten und die da etwa lehren: Vermeidung von Schatten, gleichmaflige Scharfe, vieles und ungestuftes Licht Regeln, die jetzt bei der jungen Farbenphotographie ihre Auf- erstehung feiern, sind allerdings zu verwerfen. Die Entwicklung künstlerischer Photographie beginnt mit den Verstoften gegen solche durch nichts gerecht- fertigte Pedanterien.) So wie es Motive gibt, die aus Gründen des Materials für die eine oder andere Technik sich eignen oder nicht eignen: Motive für Holz, andere fürMarmor, andere für Bronze, andere für Farben (und hier wieder solche für ölfarben einerseits, Pastell- oder Aquarellfarben andererseits), so gibt es Motive, die der Schwarz-Weifl-Photo- graphie hervorragend, der Farbenphotographie gar nicht anstehen, und umgekehrt. Daft viele „male- rische" Motive für die Farbenphotographie nicht in Frage kommen können, suchten wir zu erklaren. Und es steht fest, daft die Farbenphotographie ihren ganz bestimmten Weg und ihren eigenen Stil finden wird, sobald der ungemeisterte erste Farbenrausch überstanden sein und man sich auf die asthetischen Voraussetzungen besonnen haben wird. Aber auch auf die handwerklichen. Photographie ist ein Handwerk, so wie die bildenden Künste Hand werk sind und sogar, in deren besten Zeiten, in allererster Linie waren. Nun, die Künstler früherer Zeiten beherrschten ihr Material, sie nahmen Auf- trage entgegen, sie lieften sich durch Vorschriften, die daran geknüpft waren, keineswegs aus der Fassung bringen, sondern meisterten sie, und wenn sie ihre Handwerksarbeit meisterlich getan hatten, so war Kunst entstanden, ohne Anspruch, Eitelkeit und Selbstüberhebung, ohne daft man hatte „Künst ler" sein wollen, da man doch etwas viel Konkrete- res war: Meister. Diese Meister waren verwurzelt in der Gemeinschaft ihrer Stadt und ihres Landes, ihre Werke entstanden vor aller Augen, sie wurden öffentlich aufgestellt, jeder nahm daran teil, jeder sprach, diskurierte dar über, und niemandem war die Kunst fremd oder gar ein unzuganglicher Luxus der „Gebildeten". Jeder war materialkundig, die Themata, die behandelt wurden, lagen jedem am Herzen, die Mittel zur Darstellung waren jedem vertraut. Nun, wenn wir sagten, daft heute fast alle Welt photographiert oder sich doch, aktiv und passiv, mit dem Lichtbild beschaftigt, so findet die Farbenphotographie einen aufgelockerten Boden vor, einen Boden, der be- reitet ist, daft Meister auf ihm stehen und verstanden werden können. Meister, die nicht abstrakte oder geheimnisvolle Dinge betreiben, sondern, allen zu- ganglich, Freude bringen und Bewegtheit in ein Leben, das dem edelsten Sinn, dem Auge, so wenig mehr von dem geboten hatte, was doch sein Ent- zücken ist und wieder werden soil: Farbe.

Gebrauchsgraphik de | 1941 | | page 78