Erinnerungen aus meiner Georg-Müller-Zeit Von Paul Renner Ich habe Georg Müller im Spatherbst des Jahres 1907 kennengelernt. Er hatte seinen Verlag vier Jahre zuvor gegründet und sich durch seine Gesamtausgaben und die Übernahme der Werke von Strindberg und Bierbaum schon den Ruf eines wagelustigen Verlegers erworben. Müller suchte damals einen Künstler, der ihn bei der Ausstattung seiner Bücher bcraten und ihm auch die Einbande ent- werfen sollte, die bis dahin sein Schwager, der Radierer Peter Halm, und der in Berlin lebende E. R. Weifi ge~ zeichnet hatten. Ein junger Autor des Veriages, der das gleiche Gymnasium besucht hatte wie ich, meinte, das könne ich leicht an einem Tage in derWoche machen; die übrige Zeit bliebe mir ja dann für meine Malerei. Denn ich war Maler und hatte gerade in jenem Sommer zum ersten Mal im Glaspalast ausgestellt. Eigentliche Buch- graphiker gab es damals in München noch nicht. Noch 1913, als Emil Preetorius und ich mit dem soeben von Düsseldorf an die Münchner Kunstgewerbeschule beru- fenen F. H, Ehmcke den „Bund Münchner Buchkünstler" gründeten, um München auf den Ausstellungen im Reich würdig zu vertreten, fanden wir nur sechs: aufier uns dreien noch den Heraldiker und Münchner Kalendermann Otto Hupp, den Illustrator Ignatius Taschner, der eigent- lich Bildhauer war und am Vorabend unserer ersten Ausstellung starb, und den Zeichner kecker Broschur- umschlage für den Verlag Albert Langen, Th, Th. Heine. Der junge Dichter nahm mich also an einem trüben Novembernachmittag mit in das Erdgeschofi am Josephs- platz, wo Müller nicht nur den Verlag und sein Münchner Lager untergebracht hatte, sondern auch selbst wohnte, betreut von seiner Haushalterin, die hier noch ihr kleines schwarzhaariges Katherl aufzog. Müller begrüfite uns mit jener Mischung von rheinischer Heiterkeit und leichter Befangenheit, die ihm eigen war. Er legte dabei seine Hand ohne Handedruck in die des andern und sprach, ein wenig lispelnd, ein unverfalschtes Mainzerdeutsch. Wir setzten uns und ich erwartete nun eine Darlegung dessen, was Müller mit mir vorhabe; doch er gab sich keine Mühe, zum Wort zu kommen; denn mein Begleiter hatte die Gewohnheit, lustige Schnurren zu erzahlen und bei jeder gelungenen Pointe in ein schallendes Gelachter auszubrechen, wobei er seinen wohlgenahrten Körper mit einem jahen Ruck nach hinten warf. (Einmal hat er dabei in der Torggelstube das schwere Eisengestell hinter seinem Stuhl mit allen Wintermanteln, die daran hingen, umge- lacht; das war, als uns Otto Julius Bierbaum von der Berliner Gründungsfeier des „Pan" erzahlte, von dem flinken Meier-Graefe und dem wirklich einem antiken Hirtengott gleichenden und nun etwas verstandnislos auf das befrackte Treiben herabsehenden Arnold Böcklin.) Wahrend der Dichter also darauflosfabulierte, hatte ich Zeit, mir den Verleger anzusehen. Sein Profil war nobel geschnitten, sein dünnes, etwas gelocktes Haar an den Schlafen früh ergraut. Irgend jemand hat einmal ge- schrieben, er habe den Kopf eines Geigers gehabt. Er trug einen grauen Schniepel und dazu weifie Strümpfe und schwarze Lederpantoffeln, so dafi ich mir damals dachte, er könne eigentlich auch einen Gansekiel hinter dem Ohr haben. In der Folgezeit merkte ich dann, dafi er nie die Ruhe gehabt hatte, einen Kiel zu schneiden oder mit ihm zu schreiben; seine Korrespondenz erledigte er, indem er taglich mehrere hundert Briefe so hastig dik- tierte, dafi nurbesonders tüchtige Stenotypistinnen dieser Strapaze gewachsen waren; dann schrieb er aber auch selbst noch viele Briefe in seiner flüchtigen aber lesbaren Handschrift und zuletzt tippte er sie auch auf der Schreib- maschine; das ging unglaublich schnell, obwohl er nur den Mittelfinger jeder Hand benutzte. Müller hatte schone blaue Augen, aber ihr Bliek war un- sicher; er machte überhaupt den Eindruck eines abge- hetzten, etwas scheuen Menschen; nur aufierhalb seiner Geschaftsraume bekam die harmlose Fröhlichkeit des Rheinlanders bei ihm die Oberhand. Doch war er auch hier nie gesprachig und liefi gern die anderen reden. Wahrend also Müller scheinbar meinem Begleiter zuhörte und von Zeit zu Zeit herzlich mitlachte, arbeitete er schon wieder an seinem Schreibtisch, und bei einer Atempause des Erzahlers erhob er sich, gab mir einen gehefteten Probeband mit dem von ihm aufgeschriebenen Buchtitel, dazu noch einen Streifen Schrenzpappe, der auf die Rückenstarke genau zugeschnitten war, und bat mich ohne weitere Erklarung, einen Entwurf für dieses Buch zu machen. Es war eine Ausgabe von Scarron. Ich war auch aufgestanden und wir verabschiedeten uns, wobei Müller noch den gefürchteten Handedruck seines athle- tischen Autors über sich ergehen lassen mufite, der heute

Gebrauchsgraphik de | 1943 | | page 31