Ulustrationen zu Grimms Marchen von Gerhard Oberlander Gerhard Oberlander's Illustrations of Grimm's Fairy-Tales Illustrations des Contes de Grimm par Gerhard Oberlander Kinder- und Hausmarchen gesammelt durch die Briider Grimm V as Geheimnisvolle, das Untergründige, das Dichtverwobene bis zum Grausamen hin zieht sich wie ein breiter Strom durch die Grimmschen Marchen und macht vieles von ihrer einmaligen Stimmung aus. Gerade das hat Gerhard Oberlander in seinen Fe- derzeichnungen, in seinen Ulustrationen (erschienen im Verlag Heinrich Ellermann), am besten getroffen. Das dichte Gespinst der Striche pafit sich hier gleichsam dem Sinn der Texte an: es gelingt dem Zeichner, in mehr oder weniger starkerem Malie mit sich fort. Dem Madchen gab sie verwirrten garstigen Flachs zu spinnen, und es mufke Wasser in ein hohles Fafi schleppen, der Junge aber sollte einen Baum mit einer stumpfen Axt hauen; und. nichts zu essen bckamen sic als steinharte Klöfie. Da wurden zulctzt die Kinder so ungeduldig, daft sie warte- ten, bis eines Sonntags die Nixe in der Kirchc war; da entflohen sie. Und als die Kirche vorbei war, sah die Nixe, dafi die Vogel ausgeflogen waren, und setzte ihncn mit grofien Sprüngcn nach. Die Kinder erblickten sie aber von wcitem, und das -Madchen warf eine Bürste hinter sich, das gab einen groften Bürstenberg mit tauscnd und tausend Stacheln, iiber den die Nixe mit grofier Mühe klettern mufkc; cndlich aber kam sie doch hinüber. Wie das die Kinder sahen, warf der Knabc einen Kamm hinter sich, das gab einen groflen Kamm- berg mit tauscndmal tauscnd Zinken, aber die Nixe wufite sich daran festzuhal- tcn und kam zulctzt doch drüber. Da warf das Madchen einen Spiegel hinter- w.ïrts, welches einen Spiegelberg gab, der war so glatt, dafi sie unmöglich drüber konntc. Da dachte sic: Ich will geschwind nach Haus gehen und meine Axt holen und den Spiegelberg cntzweihauen. Bis sie aber wieder kam und das Glas aufgehauen hatte, waren die Kinder langst weit entflohen, und die Was- sernixc mufite sich wieder in ihren Brunnen trollen. Zeichnungcn und farbige Blatter von Gerhard Oberlander Verlag Heinrich Ellermann i960 allein schon mit stilistischen Mitteln zu schil- dern. Der Gefahr, im Graphisch-Spieleri- schen zu verflieBen, begegnet Oberlander meist dadurch, daB er das Formale mit brei- ten Schwarzen hervorhebt. Da wo die Linien immer enger aufeinanderstoBen, entstehen die Konturen. Sie fügen und schlieBen sich auf Oberlanders gelungensten Blattern auch zu eindrucksvollen Kompositionen, wie zum Beispiel auf der Zeichnung der teppichschleppenden Kröte aus dem Mar chen der Drei FedernNatürlich denkt man auch an Kubin, wenn man das millime- ternahe Beisammen der Tuschzüge sieht, das wie ein über die Zeichnung geworfenes Netz ihre Einheit herstellt und zugleich das Versponnene, das schier Undurchdringliche, die Phantastik der Erzahlungen ausdrückt. Aber wem sollte man es verdenken, sich an einen wirklichen Meister zu halten, wenn er durch Können und eigene Auffassung dazu legitimiert ist. Ein Blatt wie das mit dem hoch übers Dorf fliegenden riesigen Dra- chen, das dem Marchen vom «Teufel und 18

Gebrauchsgraphik de | 1960 | | page 22