Jan Lenica prasentiert «Adam II» Ein Spielfilm des polnischen Zeichners Jan Lenica Presents «Adam II» A Film By The Polish Artist Jan Lenica présente «Adam II» Un long métrage du dessinateur polonais G esegnet mit dem besten Wiesbadener Film- pradikat erblickt nach einer Schöpfungs- geschichte von drei Jahren und 150000 Be- wegungsphasen «Adam II» das Dunkel der Kinos: Jan Lenicas seltsame, gespenstische, ungeheuerliche, ganz und gar unglaubliche und dennoch wahre Geschichte» eines abend- füllenden «Monsieur Tête», 80 Minuten lang und unter Zeichenfilmen vielleicht so epochal wie unter Collagen Max Ernsts «La femme 100 têtes», über die vor genau 40 Jahren der Surrealistenvater André Breton sich erregte: «Da ist jede Illusion recht, unser Blickfeld progressiv mit Kinderaugen zu erweitern.» In 16 Szenen erlebt Lenicas trauriges Strich- gesicht ein vom Himmel bis in den Under ground poëtisch funktionierendes Arbeits- universum. Schon in der Wiege schiebt der neue Adam auf die Fee und reicht den Flexen und die Welt - aber es ware ein hochmütiges Unrecht, diesem völlig eigengesetzlichen Zei- chenfilmhandwerker etwa eine intellektuelle Krone aufzusetzen und die grobartigen Aben- teuer der Grafik nur als Funktion einer erzahl- baren Story gelten zu lassen. Wer Lenicas solide Machart studiert, glaubt eher: Einfalle und Ablaufe ergeben sich zwangslaufig aus den Mitteln des Metiers. Die Perfektion des Ruckartigen führt nicht blob zum viereckigen Fahrrad, sondern zu einer totalen Mechanisie- rung, zur Welt als Spielautomat. Nicht wird hier, wie bei Walt Disney, das Gesetz der ge- filmten Zeichnung durch möglichst viele Zwi- schenaufnahmen überspielt. Lenica funktio- niert seine oft sehr groben Sprünge von einer Phase zur anderen in einen Spielwerkstil urn, der Clownerie (wie bei Chaplin) mit Bedro- hung (wie beim Golem) vereint. Man weib vor- sein Eis am Stiel; er füttert Computer und wird selber verfüttert; in einer Gesellschaft von Quadratschadeln widersteht er der Quadratur seines Eierkopfes; er fliegt mit einem schnurr- bartigen Dreiecks-Luftschiffer und treibt's mit Engeln hinter Wolken; er fallt durch die Fern- sehtruhe ins TV-Gesamterlebnis; stürzt aus dem Sitzlift in die Selbstbedienungshölle; reist mit der Zeitmaschine zurück bis ins verlorene Paradies; gerat an fleischfressende Blüten, radelt mit seiner Schachtel der Erkenntnis (Aufschrift «44») bis zur totalen Weibe durch den Schnee von morgen und verrennt sich schlieBlich im vieltürigen Labyrinth seines Innenlebens. Hunderterlei allegorische Mobi les könnten da hochinterpretiert werden zu Philosophemen über Freiheit und Diktatur, Individuum und Masse, Mensch und Technik, Existenzangst und Daseinsfreude, über Gott 2

Gebrauchsgraphik de | 1969 | | page 6