einen Gegenstand von zehn Meter Lange so auf die Bühne stellen, dass man ihn nicht sieht, oder man kann etwas ganz Kleines auf einen Tisch legen, und jeder sieht es. Dazu muss man ein bestimmtes Gefühl und eineErfahrung haben für das, was auf dem Theater ivirkt. Eins möchte ich über alles preisen: die Leere. Ich sage dies den jungen Bühnenbildnern, man muss es sich zur Hauptregel machenüberfüllt eure Bühne nicht. Man neigt immer dazu, zuviel zu tun. Als ich mit Jouvet L'Ecole des Femmes auf die Bühne brachte, beschrankten wir uns wahrlich auf ein Minimum. Es gab da einen kleinen Garten mit zwei Rosenstöcken und fünf Kandelabern, und dieses Bühnenbild, das viel Erfolg hatte, führte zur Ent- stehung einer ganzen Zahl von Bühnenbildern, die diesem glichen, wo man aber zwanzig Blumentöpfe und zwanzig Kronleuchter hinzugefügt hatte. ,Man wird eine reichere Ausstattung wahlen als Bérard.' Sofort verlor sich die Handlung in diesem ,Reichtum'. Die schönsten Inszenierungen sah man in Russland, von Meyerhold. Sie waren gerade deshalb schön, weil dort nichts ,zu sehen' war. Es war eine aussergewöhnliche Kunst der Andeutung. In Foret von Ostrowski war der ganze Eindruck durch eine Planke hervorgerufen, drei Stufen, und es war wunderbar. Weil dieses Nichts alles ist. Und es ist alles, weil alles entfernt worden ist. Natürlich: man kann nicht nichts mit nichts machen. Man muss da- mit beginnen, alles hinzusetzen und es Stück für Stück wieder zu entfernen. So babe ich in La Folle de Chaillot beim Bühnenbild des ersten Aktes die Terrasse des Cafés Chez Francis in meinem Kopf mit einer ganz voll- standigen Bühnenausstattung begonnen, mit den Kasta- nien, mit der Fassade des Gebaudes und dann habe ich alles weggenommen, um nur das Wesentliche zu lassen: ich habe die Baume entfernt die Bank liess ich, weil sie für die Handlung notwendig war ich gab ein ganz klein wenig Grau, um die Avenue Montaigne anzudeuten; von diesem Augenblick an wirkte das Gebaude, das ich ge- lassen hatte, zu schwer, und daraufhin hob ich die Mauern auf und liess nur die Fenster, um den Eindruck des Ge baudes hervorzurufen. Beim Ballett liegen die Dinge anders. Die Ausstattung muss verschiedenen Notwendigkeiten Rechnung tragen: sie muss die Bühne fiir die Tanzer frei lassen und muss berücksichtigen, dass die Ballett-Truppe aufTournee geht, ihr Material von Stadt zu Stadt mitführt und in einer Vor- stellung drei Ballette aufführt, was drei schnelle Verwand- lungen notwendig macht. Man kann also keine stabilen Dekorationen konstruieren. Hier beschrankt man sich im mer auf das Malen der .Hauptgesichtspunkte'. Mit der Einbildungskraft der Malerei, nicht in stabilen Bauten muss das Bühnenbild verwirklicht werden. Es ist mehr die Arbeit eines Malers als das Werk des Bühnenbildners. Das Element der Farbe ist für mich sehr wichtig, ob- wohl es erst jetzt an die Reihe kommt. Aber ich denke, 393

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