Wie wir die Alchemie heute sehen miissen, als dunkle Vorgeschichte wissenschaftlicher Chemie, doch auch als Praktik meditativer Verinnerlichung mit magischen Hoffnungen: das alles lasst sich, mit seiner Mischung von Tiefsinn und Wahn, Objektivi- tat und subjektiver Projektion, in einem kurzen Auf- satz nicht verstandlich machen. Den Lesern werden die von uns zusammengestellten Zitate einiges sagen, zumal sie zum Teil von Dichtern stammen, die man fast zu den „Eingeweihten" zahlen könnte. Wer Na- heres wissen möchte, wird zu den grossen philolo- gisch-chemiegeschichtlichen Schriften greifen oder Etwas Materielles muss es sein, aber die erste allgemeine Materie, eine jungfrauliche Erde. Wie die se S(u finden, wie sie S(ubearbeiten, dieses ist die ewige Ausfiihrung alchymischer Schriften, die mit einem unertrdglichen Einer- lei, wie ein anhaltendes Glockengelaute, mehr \um Wahnsinn als %ur Andacht hindrangen." goethe, ebendort „Da matt ein voter Sen, ein Eiiftner greter, 3m iauen 33ab t>er Silie oermaftlf, Unb beibe bann mit off'nem Jiammenfeuer 21ub einem SSrautgemacf) inb anbere gequalt. @rfd)ien barauf mit bunten garben Die juttge itbnigin im ©lab, -?>ier roar bte 3Ivjenei, bie haltenten ftarben, Unb niemanb fragte: rcer genab?" GOETHE, FAUST I. Teil From Splendor so/is (Berlin). "The other is coagulatio. That is: the water turneth again to a solid body. That the sulphur, the which is dissolved by the quick silver, holdeth this again, and the water is turned to earth, that is, to solid matter. Being dissolved the quick silver is like unto an active thing, but in coagulatio it is the suffering thing, that is acted upon. And therefore is this art paragoned to children's play. For their play is such that he who but now lay uppermost, soon lieth undermost." Aus Splendor solis (Berlin). „Das Ander ist die Coagulatio (Gerin- nung). Die ist: das Wasser widerumb verkhern in das Corpus. Dass dcr Schwebl, so vom lebendigen Silber (Quecksilber) auf- gelöst ist, dasselbige widerumb haltt unnd aus dem Wasser die Erden werde oder das Corpus. In der Auflösung ist das lebendig Silber gleich dem würckhenden, aber in der Coagulatio ist es das leidendt, darein gewürckhet wirdt. Unnd deshalben wirdt dise Kunst vergleichet dem Spiel der Kinder. So sie spielen, das so oben gelegen ligt jetzt unndten." Illustration tirée de Splendor solis (Berlin). «Le second terme est la coagulatio. A savoir: l'eau redevient un corps solide. Que le soufrc, dissous par le vif-argent (le mercure), le retienne a nouveau, et que l'eau redevienne terre, e'est-a-dire un corps solide. En dis solution, le vif-argent est comparable a une force agissante, mais en coagulation, il est chose souffrante et agie. Et e'est pourquoi cet art est compare au jeu des enfants. Car leur jeu fait que celui qui dominait en haut git bientót tout en bas.» „Ich hatte eben ,Die chymische Roseveröjfentlicht, ein kleines Werk über die Alchemistenund hatte viele Briefe erhalten von Anhdngern der geheimen Wissenschaften, die mich ob meiner Angstlichkeitwie sie es nannten, schalten, konnten sie doch nicht versteken, dass eine so of- fenkundige Sympathie wie die meine allein die Zuneigung des Künstlers, die "gur Elalfte aus Mit leid besteht, "gu all dem bekunden so lie, was die Hergen der Menschen gujeglichen Zeiten bewegt hat. Ich hatte bei mei- nen Studiën schon friihgeitig erkannt, dass die Lehre der Alchemisten keine blos se chemische Phantastik war, sondern ein philosophisches Sy stem, das sie auf den Kosmos anwandten, auf die Elemente und selbst auf den Menschen, und dass sie die Ergeugung von Gold aus unedlen Me tallen nur anstrebten als einen Teil einer allge meine n Umw andlung aller Dinge in eine göttliche und unvergangliche Sub stamg." WILLIAM BUTLER YEATS in ROSA ALCHEMICA 453

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