Seit einigen Jahrzehnten ist eine neue Asthetik raumlicher Gestaltung im Werden, deren statische und dynamische Möglichkeiten aus einer konsequenten Ausnützung der moder nen Materialien hervorgehen. Von Ingenieuren und Brücken- bauern angeregt, von Architekten wie Le Corbusier und Plasti- kern wie Pevsner und Calder erstmals künstlerisch bewusst for- muliert, ist es erfreulich zu sehen, wie heute diese Ideen in Italien überall ins tagliche und schaffende Leben miteinbezogen werden. DieplastischenFormexperimente der modernen Kunst, die in Paris in einigen verfallenen Ateliers verstauben, sind an der neunten triënnale in Mailand mit jugendlicher Begeiste- rung in grosse Dimensionen umgesetzt worden. Als temporare Ausstellung kann sich die triënnale auch den Luxus leisten, der plastisch-architektonischen Gestaltung der Ausstellungsraume und Ausstellungsstrukturen einen experimentellen Charakter zu geben, und auch gelegentlich daneben zu greifen. Gleich im Aufgang zur triënnale wird der Besucher in die raumliche Organisation miteinbezogen. Der Raum ist nicht mehr dieser neutrale BegrifF, der sich zwischen vier Wanden un- fassbar breit macht. Die kühne Neonschleife, die frei den Raum durchkreist, macht das Volumen der Treppenhalle zu einer dem Auge tastbaren Gegenstandlichkeit. Der Besucher, indem er die Treppe hinaufgeht, ist nicht mehr der passive Beschauer, son- dern er ist, durch die mit jedem Schritt sich verschiebenden Perspektiven, an der Gestaltwerdung des Raumes mittatig. Dieses Prinzip der aktiven Raumerfassung wurde auch in der Folge weitergeführt und kam hauptsachlich in den thematisch begrenzten Salen zur Geltung. Allerdings verhel man dabei ge legentlich in den Fehler, durch zu grossen Aufwand in der Pre sentation den prasentierten Gegenstand nicht mehr genügend zur Geltung kommen zu lassen. Sicherlich miissen alle Ausstel- lungsgestalter mit der natürlichen Ermüdung und der sich dann einstellenden Apathie des Besuchers rechnen, die durch attrak- tive Wirkungen überwunden werden müssen. Trotzdem ist es 460 verfehlt, wenn die an sich belebend wirkende Presentation, wie z.B. in der Sektion „Niitzliche Gegenstende" mit ihrem heite ren Spannwerk von goldenen Kugeln und fahnenartig aufge- hengten Photographien, in vollstendigem Widerspruch zu der funktionellen Rationalitet der gezeigten Gegenstende steht. Ein besonders gelungener Versuch einer anstrengungslosen sinn- lichen Raumerfassung, d.h. dem grossen Publikum mit Gefal- ligkeit entgegenkommend, ist die in den Raum projizierte Pre sentation italienischer Sportartikel. Hier wird die reumliche Be- wegtheit, wie sie die moderne Kunst mit asketisch abstrakten Mitteln zu verwirklichen sucht, auch dem Fussballspieler begreiflich.

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