BERT STERN Man übertreibt nicht, wenn man sagt, dass der junge ameri- kanische Photograph Bert Stern die Farbphotographie um einen Schritt weiter gebracht hat. Dass ihm das durch das Mittel des Inserats gelang, ist weder paradox noch verwunder- lich. Denn wenn das Inserat der Nutzniesser der Schwarz- Weiss-Photographie war und ist, so verhalt es sich im Bereich der Farbphotographie umgekehrt. Und zwar aus dem einfachen Grande, weil es eines ausserst kostspieligen Druckverfahrens bedarf, um eine farbige Aufnahme überhaupt sichtbar zu machen. Diesen Aufwand zu leisten sind jedoch nur ganz we- nige grosse Zeitschriften in der Lage; die weitaus meisten Farbaufnahmen, die das Publikum heute zu Gesicht bekommt, verdanken ihre Entstehung und Publizierung den inserierenden Grossfirmen. Unter den Firmen, die Auftrage an Farbphotographen ver- geben, gibt es zwei Kategorien. Die eine, zahlenmassig weit aus grösste, geht darauf aus, ihre Produkte möglichst vorteil- haft, appetitlich, verlockend photographieren zu lassen. Dort schreibt der Propagandachef dem Photographen nicht nur vor, welche Gegenstande er darstellen soli, sondern auch, wie das zu geschehen habe. Der Photograph ist somit nur noch aus- führendes Organ, und die Früchte seiner Tatigkeit sind allen- falls im technischen, nicht aber im künstlerischen Sinne von Belang. Die zweite Kategorie geht durchaus anders vor. Das End- ziel ihrer Reklame ist nicht so sehr die Anpreisung einer Ware, als die Einpragung eines Namens. Das Inserat soil nicht ein- fach zum Kauf verlocken es soil vor allem ein Gesprachs- thema abgeben. Und deshalb muss es in erster Linie originell sein. Und es muss auf kultivierte, raffinierte Weise originell sein. Denn unwillkürlich übertragt der Kaufer die Vorzüge eines Inserates auf das in ihm angepriesene Produkt. Um aber originell zu sein, muss der Photograph völlig frei arbeiten können, muss er ein Pionier im technischen sowohl als im künstlerischen Sinne sein. Und damit sind wir bei Bert Stern. Die Fragen, die Bert Stern so gut wie jeden andern schöpferisch tatigen Menschen beschaftigen, sind die Probleme des Was und des Wie. Das Was, das heisst die Bildidee, ist Sterns Hauptanliegen. Und auch, wie man aus den hier abgebildeten Proben ersieht, der Hauptreiz seiner Photoinserate. Hier wirken Einbildungs- kraft, Formgefühl, Humor und psychologischer Scharfsinn zusammen, um ein vorlaufig nur im Gehirn des Photographen existierendes Bild zu erfinden. Und hier ist der Zufall ausge- schaltet. Dieser oder sagen wir genauerder Augenblicks- einfall, tritt erst beim Wie, bei der Übersetzung der Idee ins Bild, in sein Recht. Dafür nur ein Beispiel: 1953, als die Werbeagentur, die im Smirnoff arbei- tete, auf der Suche nach einer neuen, originellen Konzeption war, gelangte sie an Bert Stern, nachdem ihr Plan von einigen führenden Photographen als unausführbar bezeichnet wurde. Für Stern war es der erste Auftrag als Berufs- photograph. Eine seiner Ideen war, ein Glas eisgekühlten Wodkas in die Wüste zu stellen und so dem Betrachter den Gegensatz von grösster Hitze und grösster Kalte zu suggerieren. Eine vorzügliche Idee, die aber ein ausserordentliches, ein typisches Stern-Inserat erst durch die Ausführung abgab. Denn der Photograph unternahm dieser Aufnahme zuliebe nichts weniger als eine Reise nach Agypten Amerikanischer Snobismus wird man sagen. Und unrecht haben. Denn allerdings hatte Stern das Photo seines Wodkaglases in eine Aufnahme der Pyramide von Gizeh hineinmontieren können. Aber Stern wollte mehr namlich eine Art realistischer Phantasie. Seiner Meinung nach reagiert das Publikum unbewusst auf Echtheit, so wie es sofort den Unterschied zwischen einem an Ort und Stelle gedrehten Film und einer Studioaufnahme spürt. Es musste eine echte Photographie sein, bei der das Glas und sein Inhalt im gleichen Licht aufgenommen wurde, wie die Wüstenlandschaft. [Forts. Seite 554] 16) 17) Deux illustrations d'une série d'annonccs de revue en couleur pour la vodka Smirnoff. Voir également les légendes de la page précédente. Si tenté que Ton puisse être de voir dans cette campagne pour la vodka Smirnoff une suite de trouvailles successives et indépendantes les unes des autres, un examen attentif ne laisse pas de révéler qu'elles répondent a une rigoureuse conception d'ensemble. Chacune d'entre ces annonces dramatise une qualité bien définie de ladite vodka: alcool sec, lampant, propre k se prêter aux mélanges. Toutes ces photos furent prises a la lumière du jour, et dans des extérieurs photographiés sur place. Les coulcurs sont celles de la réalité. Chez Stern, le point de départ n'est jamais la technique, mais l'idée. 493

Graphis de | 1957 | | page 23