.t sjji Gi éfj Tlor der Erfindung der Photographie gab es kein wirklich glaub- ib- 'würdiges Abbild. Personen oder Ereignisse bestanden nur in der mcj Efinerung eines Augenzeugen, und diese Erinnerung wurde durch das gèhriebene Wort oder durch das gezeichnete oder gemalte Bild weiter- ugjeben. Je begabter der Zeuge, desto interpretierender seine Be- u s(j:eibung. Die Mona Lisa kann eine Zusammenfassung vieler Frauen- g chter, vielleicht aber auch eine reine Erfindung Leonardos seindas icht Franklin Delano Roosevelts oder Greta Garbos oder des m uier Cadillac jedoch ist unumstössliche Tatsacheaussere Erscheinung mi ai durch Dokumente in der ganzen Welt millionenfach bewiesen w ien. Auf eben dieser Glaubwürdigkeit - und auf keiner der anderen stir.- illzugeschriebenen Eigenschaften - beruht die grundlegende Bedeu- ti* der Photographie. r ''ahrend des Zeitalters der Religion wurden die meisten Bilder von Qibigen für den Glauben geschaffen. Die Maler malten den Himmel. j| Illusion war zulassig, da nichts das Gegenteil beweisen konnte. Es war wohl kein Zufall, dass das Aufkommen der Photographie mit dem Beginn der technischen und industriellen Revolution zusammenfiel. Die Bildmacher wandten sich vom Unergründlich-Himmlischen ab und richteten ihr Augenmerk auf die irdische Wirklichkeit. Mit dem Schwin- den des Glaubens wurde der Beweis zur Notwendigkeit: die Photo graphie ist das Dokument unserer Zeit und die Kamera Symptom und integrierender Bestandteil des Realismus. In der Rolle des Mazens ist die Industrie an die Stelle der Kirche ge- treten, und die Photographie ist ihre bevorzugte Kunstform. Kaum ein Mensch wird einen Tag verbringen können, ohne Hunderte von Photo- graphien sehen zu müssen. Von den Seitenwanden der Busse, von den Decken der Untergrundbahnwagen herab, aus Zeitschriften, auf Reklame- tafeln, durch die Post und über den Bildschirm informieren sie, teilen sie mit und bemühen sich, die Produkte des Mazens zu verkaufen. Als «Wunderverkaufer» der Industrie besitzt die Photographie die Tugend, nicht lügen zu können. Die Dame im Bus betrachtet eine 43

Graphis de | 1967 | | page 45