Wie könnte das aussehen, wenn eine Rundfunkanstalt, die selbst über die modern sten Mittel der Kommunikation - Hörfunk und Fernsehen verfügt, sich der klassischen Werbe- und Informationsmittel des gedruckten Wortes und Bildes für ihre Zwecke bedient? Über diese Frage haben sich die dafür Verantwortlichen beim Hessischen Rundfunk in Frankfurt am Main bereits bald nach der Konstituierung dieser Anstalt im Jahre 1948 die Köpfe zerbrochen. Modellfalle für die gedruckte Publizistik von Rundfunkinstitutionen, von denen man hatte lernen können, gab es nicht, ausser in den Landern mit kommerziellen Rundfunksystemen, wo sich die Werbung mit Auftragen für die Radio- und Fernsehreklame befassen must. Die in der Welt einzigartige föderalistische Konstruktion des Rundfunks in der Bundesrepublik wies ebenfalls auf die Notwendigkeit hin, neue Wege in der Wer bung zu gehen. Ziel war, Vertrauen für das Funkhaus und seine Mitarbeiter zu ge winnen, ausserdem dem »Berieselungs-Hörer« zu zeigen, dass dieses Instrument Radio mehr für ihn bereithalt als nur die von ihm bevorzugte musikalische Klangkulisse. Was nun die Form angeht, in der man sich diesen Werbezielen nahern könnte, so war allen Beteiligten klar, dass man schon im ausseren Erscheinungsbild sich ab- zusetzen habe vom Herkömmlichen, dass etwas auszusagen sei von dem technischen Air der Medien Hörfunk und Fernsehen, dass deren kultureller Auftrag sichtbar zu machen sei und dass die künstlerische Avantgarde hier ein ideales Betatigungsfeld finden könne. Dass bei alledem nicht vergessen werden durfte, welche Kreise man anspricht, dass der praktische Gebrauchszweck der Publikationen nie aus dem Auge verloren werden durfte und wie weit man mit der Graphik ins Experimentelle, in die Sphare des Schockierens oder gar Brüskierens sich vorwagen könne, all das reisst den Schwierigkeitsgrad und den Umfang der Aufgabe an. Immerhin kann heu te gesagt werden, dass sich die Auf lage der Programmbroschüren des Hessischen Rundfunks beispielsweise, die nur an interessierte Teilnehmer ver- schickt werden, die sich selbst um den Bezug bewerben, im Laufe der Jahre verdoppelt hat, und dass sich die Zuschriften, die auf jedes Heft eingehen und die sich nur mit der ausseren Gestaltung befassen, in ihrer negativen beziehungsweise positiven Kritik wie eins zu zehn verhalten. Dabei ist auffallend und interessant, dass die negativen Kritiken sehr haufig in der Terminologie des Totalitarismus gehalten sind. Selbstverstandlich hat man sich beim Hessischen Rundfunk nicht auf den Versuch beschrankt, allein den Programmheften und den Plakaten das Gesicht einer Rund funkanstalt zu geben. Auch in der Gestaltung der verschiedenen Pressedienste, Sonder- broschüren, technischen Details bis hin zur Eintrittskarte für öffentliche Veranstal- tungen und zur Senderaufschrift auf den Fernsehkameras hat man sich bemüht, in der einmal eingeschlagenen Richtung zu bleiben. Aber die Leitung der Abteilung Publi zistik ist sich bewusst, dass es noch »Weisse Flachen« gibt in den gedruckten Erschei- nungsformen des Hauses, die künftig einzubeziehen sind in den Rahmen dessen, was man sich unter dem Werbebild einer Rundfunkanstalt vorgestellt hat. 62

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