sind seitdem national und international berühmt geworden. Die Form der Karikatur ist gewiss nicht neu, hat aber eine besonders hartnackige Lebensfahigkeit bewiesen, in manchen Zeitabschnitten betonter als in anderen. Da Vinci untersuchte gewisse Aspekte dieser Form, und die Künstler Hogarth, Rowlandson, Gilray und Daumier haben neben ande ren der Geschichte der graphischen Kunst mit ihren Zeichnungen «für die Massen» einen dauernden Stempel aufgepragt. In der bildlichen Interpretation einer sich entwickelnden menschlichen Komödie musste der Künstler die wechselnden Protagonisten besonders leicht erkennbar darstellen und vielleicht den einen oder anderen Charakterzug eines Mit- spielers übertreiben, wenn er seine Physiognomie auf andere Weise nicht wirklich unauslöschlich einpragsam gestalten konnte. Wenn dieser gra- phische Kunstgriff bei einigen zur billigen Burleske entartete, so lag das wahrscheinlich daran, dass eine gute Form in schlechte Hande fiel, Ober- flachlichkeit das Verstehen ersetzte und die magischen Gaben einfühlen- der Zeichenkunst von einer effekthascherischen und banalen Darstel- lungsweise verdrangt wurden. Beginnend mit dem neuen Stil und Standard der New York Review of Books erhielt Levine, der bis zu dieser Zeit nicht mit satirischen Karikaturen gearbeitet hatte, von dem Art Director der Zeitschrift den ausserst schwierigen Auftrag, eine pragnante graphische Aussage zu schaffen, die gleichzeitig das recht anspruchsvolle Niveau des erklarenden kritischen Kommentars einhalten und noch betonen sollte. Levine wahlte das satirische Portrait als Mittel, mit dem er das Wesen des Schreibenden, seine Werke und seine ge- schichtliche Rolle am besten in Einklang bringen konnte. Levine ist ein hervorragend begabter Künstler, ein allgemein [Fonsetzung sdte 570] 507 Es ist recht merkwürdig, wie die verschiedenen sozialen oder kul- turellen Ereignisse - in der gedrangten Form der Rückschau be- trachtet, die wir Geschichte nennen - zur Zeit ihres Geschehens gar nicht so logisch oder vorherbestimmt waren. Vor ungefahr sechs Jahren erlebte die Stadt New York einen ihrer vielen Arbeitskampfe, und dieser Streik, der den Druck samtlicher New Yorker Zeitungen verhinderte, war ein regelrechter Schock für die ganze Stadt. Nach Descartes' Lehrsatz: «Die Natur hasst das Vakuum» hatte eigentlich ein den tra- ditionellen Tageszeitungen ahnliches Magazin die entsprechende Neu- schöpfung sein müssen. Tatsachlich aber, unterstützt von den Bedin- gungen des herrschenden Arbeitskampfes, wurde als das unwahrschein- lichste Kind der Stunde eine Zeitschrift mit dem Namen The New York Review of Books geboren und trat in die gahnende Informa- tionslücke. Man hatte dieser Zeitschrift bestenfalls eine vorübergehende Lebensdauer zugebilligt, denn wenn sie auch wertvoll zu sein schien, so stillte sie doch nur ein sehr spezielles, um nicht zu sagen esoterisches Bedürfnis. Seit diesem Zeitpunkt ist über eine halbe Dekade verstrichen, und zwei der in diesen Arbeitskampf verwickelten Zeitungsriesen sind ein- gegangen und nur noch in schwacher Erinnerung. The New York Review of Books aber blüht und gedeiht allem Anschein nach weiter. Doch welchen Beitrag diese Zeitschrift auch für das weite Feld des Kul- 1 turjournalismus geliefert haben mag, eines ihrer bedeutendsten Neben- produkte war das fruchtbare Milieu, das sie für die aussergewöhnlichen I graphischen Kommentare des Künstlers David Levine schuf. Seine sati rischen Zeichnungen, von manchen auch lieber Karikaturen genannt,

Graphis de | 1971 | | page 25