Schöpferischer Geist ist dem Einzelmenschen gegeben. So ist Volks kunst auch und primar Individualkunst, j edoch zugleich kollektive Kunst, die dem Volk entstammt und dessen Bedürfnissen gerecht wird. Hirt und Bauer schaffen verschiedene Kunst. Der Bauer »baut wirklich, ihm ist konstruktiver Geist zu eigen, wahrend sich der Hirte in rituellen Formen ausdrückt und in seiner dekorativen Gestaltung freie rhythmi- sche Formen sichtbar werden. Die sog. »höhere Kunst ordnet sich im allgemeinen dem Logos unter, die Volkskunst viel mehr dem Gefühl. In dem Masse, wie volkskünstlerisches Schaffen sich formalen Kategorien unterwirft und fremde Stilformen übernimmt, büsst es seine Freiheit, Zwangslosigkeit und Phantasie ein. In dem Masse wie der Volkskünstler in epischer Absicht legendenhaftem Material Form gibt, ist er ganz er selbst und kann seine Imagination sich frei entfalten, getragen von unter- gründigen Mythen und Deutungen der Naturgewalten. Die radikale Umgestaltung der sozialen und wirtschaftlichen Bezie- hungen zwischen Stadt und Land haben im Verein mit der Entwicklung moderner industrieller Produktionsmethoden der Volkskunst in ihrer ursprünglichen Ausdrucksreinheit den Garaus gemacht. Wir befolgen kein magisches Ritual mehr, wir beschwören und bannen nichts mehr, wir haben den Glauben oder zumindest die Inbrunst des Glaubens ein- gebüsst, und wenn wir am Sechselauten das Bild des Todes und des Winters feierlich verbrennen, so geschieht dies nur noch [Fortsetzung Seite 570] 557 6 Das vorliegende Werk hatte auch ganz einfach »Schweizer Volks kunst heissen können - eine unkomplizierte Bezeichnung, die aber nicht zutreffend ware. Die Schweiz bildet namlich kein einheitliches Ganzes. Sie ist ein Konglomerat von Volksgruppen verschiedener Her- kunft (die germanische, französische, italienische und ratoromanische Volks- und Sprachgemeinschaft), die sich, obwohl einander fremd, in der Vergangenheit zusammenfanden, um ihre Freiheit besser zu behaup- ten oder gemeinsame wirtschaftliche Interessen zu schützen. Die Ge- schichte der Volkskunst dieses Landes ist eng mit diesen Gegebenheiten verdochten. Die Volkskunst ist vorwiegend auf dem Lande beheimatet, wenn sie auch in verstadterten Gebieten anzutreffen ist. Das Alpenhirtenleben hat ihr die erste Gestalt gegeben, doch ihre Wurzeln gehen weit zurück in die Vorgeschichte. Volkskunstschaffen ordnet sich der rituellen jahrlichen Wiederholung der Kosmogonie unter, es gehorcht der zyklischen Rege- nerierung der Zeit, guten und bösen Geistern, deren Macht man durch Larm und Bewegung steigert oder mindert. Solche Volkskunst schwelgt in extremen Verhaltensweisen, wie sie noch in den Jahresbrauchen des Lötschentals und der Urschweiz teilweise erhalten sind. Diese Übergangs- riten nahren oft aberglaubische Vorstellungen recht seltsamer Art, die mit den jahreszeitlichen Festen, den Geburts-, Todes-, Verlobungs- und Hochzeitsbrauchen verbunden sind.

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