dward Gorey Es macht ihm Spass, Namen zu erfinden: Mon sieur Bandage-Hemiaire, Gertrudis Callosidad, Lord Wherewithal. Einige seiner Phantasiege- schöpfe - Crunk, Boggerslosh oder Omble- droom sind offenbar von Lewis Carroll inspi- riert, aber er kann sie auch %eichnen. Viele Geschichten sind in einer sehr steifen und ordentlichen Viktorianischen Welt angesiedelt. In diese Atmosphare von Frömmigkeit und Unschuld schleicht sich das Unsagbare ein. Und Gorey spricht es auch nie aus. In Das Geheimnis der Ottomanederen Erstauflage vom Österreichischen Innenministerium verboten wurde, gibt es kein unziemliches Wort oder unzüchtiges Bild. Die Verderbtheit entsprang ganz den Gehirnen der Zensoren. Goreys Zeichnungen, oft prüde wirkende Matronen in langen Kleidern oder Herren mit steifen Kragen in Tweedanziigen, sind Mu- seumsstiicke. Er fühlt sich zwischen Urnen und phantastisch beschnittenen Büschen und Bau- men zu Hause. Alles scheint höchst respektabel - der Nachtmahr hoekt unter der Oberflache. Er hat nur ein paar Semester an der Kunstaka- demie Chikago studiert und besitzt nur eine Technik - aber die ist vollendet. Er hat eine Welt unterschwelligen Entsetzens geschaffen, deren absoluter Herr er ist. Nichts darin ist offenbar, jeder Gegenstand ist voller dunkler Anspielungen. Seine Regenschirme sehen aus wie Fledermause, seine Fledermause wie Re genschirme. Seine Tapeten und Vorhange sind mit liebevoller Strenge ausgeführt. Selbst seine Hintergründe sind von trister Hoffnungslosig- keit: jeder Federstrich ist todbringend. Dieses trostlose Szenarium illuminieren Goreys Phan- tasie und Humor: wenn der Tod radfahrt, wirft seine Lampe einen dunklen Schein! Es ist eine Welt der Düsternis und Verdammnis, wo Ver rat in den harmlosesten Dingen lauert. Schon um zwei Uhr wird es Nacht. Eine fmstere Gestalt im Pelz verschwindet im Dunkel hinter der Gaslaterne. Lauf, Amalie, lauf! Ogdred Weary lauert hinter der Eckel Diogenes of Zurich have been publishing Edward Gorey's works since 1961. In 1981 they brought out the first German edition of his complete works in the form of 33 paperbacks in a cassette (Diogenes Kunst Taschen- buch series). Our illustrations are taken from them. Der Diogenes Verlag, Zürich, gibt seit 1961 die Bücher Edward Goreys heraus. Im Jahre 1981 erschien im Rahmen der Diogenes-Kunst-Taschenbuch-Serie eine 33bandige Kassette als erste deutsche Gesamtausgabe seiner Werke, aus denen unsere Ulustrationen stammen. Les Ed. Diogenes de Zurich, qui publient les ceuvres d'Edward Gorey depuis 1961, ont réuni en 1981 ses oeuvres complètes en allemand sous forme de 33 poches sous emboitage, dans la collection Diogenes Kunst Taschenbuch. C'est de la que sont tirées nos illustrations. 85

Graphis de | 1983 | | page 87