DIE f C H UTE M A RKE AEf WEfcBEEEEMENT 8 Von Dr. Heinrich Reif, Rechtsaniualt, Wien Die Schutzmarke ist in erster Linie dazu bestimmt, eineWare zu individualisieren, sie aus der Menge gleichartiger Produkte herauszuheben, als Qualitiitsprodukt zu charakterisieren und mit dem Unternehmen ihres Erzeugers oder Handlers in der Vor- stellung des kaufenden Publikums innig zu verkniipfen, um das- selbe dazu zu veranlassen,bei neuerlichemBedarfe nach derMarke zukaufen. Was sagt die Schutzmarke? Sie behauptet: „Meine Ware ist gutsie wird dich nicht enttauschendeshalb decke ich sie mit meinem Symbol; du wirst dich daran erinnern wollen, weil du mit ihr zufrieden sein wirstich will dir helfen, dich an mich und sie zu erinnern Dies ist auch, dem Kaufer mehr oder minder klar bewuBt, die psychologische Wirkung, die Suggestivwirkung der Marke und damit der Markenware. Die bloB mit der Firmenbezeichnung versehene Ware wirkt bei weitem nicht so eindringlich. Die hin- zugesetzte Marke wirkt als Qualitdts- und Echtheitszeichen. Und weil sie bei wirklich guten Waren als solches auch vom Publikum empfunden wird, ist sie ein iiberaus wertvolles, in ihrer vollen Wirkung aber trotz aller Fachliteratur von weiten Kreisen der Kaufmannschaft noch immer nicht geniigend einge- schatztes Werbeelement. Bei der heutigen Wirtschaftslage, bei der allgemeinen Ver- armung der Konsumentenschichten entwickelt sich ein in solcher Intensitat noch nie dagewesener Konkurrenzkampf um den ge- ringen vorhandenen Absatz, um den kleinen Betrag, der aus dem Budget des Mittelstandlers, des Angestellten und Arbeiters uber dessen Lebensbediirfnisdeckung hinaus fiir Bediirfnisse zweiter Ordnung verwendet werden kann, ebenso aber innerhalb der noch wichtigeren Position der Lebensbedurfnisse selbst, die ja das Riickgrat desAbsatzes darstellt. In dem so verscharften Konkurrenzkampf, der noch durch den teilweisen Verlust der Auslandsmarkte fiir fast alle Industrien gesteigert im Innenmarkte zur Austragung kommt, muB nun der einzelne Kaufmann, um nicht unterzusinken, mit alien verfiig- barenMittelnnach entsprechendem Absatz ringen. Die altvateri- schen Methoden des Wartens auf die Kundschaft, die bequeme Geschaftsfuhrung von einst, sie sind fiir allemal dahin. Wer nicht seine ganze Kraft anspannt, um seinen Betrieb aufs auBerste zu rationalisieren, der wird ihn nicht lange fiihren. Deshalb hat das Werbewesen heute in Europa eine Bedeutung erlangt, wie noch nie. Nicht, weil wir seit einigen Jahren vorgeschrittener und modernergeworden sind, als wir es vor demKriege waren, son- dern weil Handel und Industrie in schwerer Existenznot stehen, studieren und verwenden wir amerikanische Werbemethoden und -theorien. Was aber jenseits des Ozeans zum taglichen Hand- werkzeug des Kaufmannes gehort, was er, unterstiitzt von Effi ciency-Experts und einer fast uniibersehbaren, von ihm auch wirklich gelesenen und beniitzten Fachliteratur, auch standig iibt, an dessen Verbesserung und Vollausniitzung er unablassig arbeitet das wird in Europa nur sehr langsam, tastend und empirisch hie und da in die Praxis umgesetzt. Da heute Reisende sehr kostspielig, Zeitungs- und Plakat- reklame teuer und durch unverniinftige Steuern noch verteuert und Werbebriefe auch nicht billig sind, wie einst, muB der Kauf mann bei diesen Werbemitteln mit auBerster Bedachtnahme auf die Sicherung groBtmoglichen Werbeerfolges vorgehen. ErmuB aber nebenher alle Moglichkeiten auszuniitzen trachten, die ihm das Geschaftsleben fiir Propaganda bietet. Und eine der wichtig- sten und dabei billigsten ist die Schutzmarke, wenn sie wohl- durchdacht geschaffen wird. Der Kaufmann bemiiht sich, auf den mannigfaltigsten kost- spieligen Wegen Auge und Ohr seiner potentiellen Abnehmer, des prospective customer's, zu gewinnen, durch Annoncen, Plakate, Kataloge, Flugzettel, Reklameartikel, Werbebriefe, Licht- reklame etc. etc.an der Stelle aber, wo der Abnehmer ihm gar nicht entgehen kann, wo der Kaufmann seine Aufmerksamkeit geradezu monopolisieren kbnnte, namlich beim Einkauf der Ware im Laden und bei Ingebrauchnahme der Ware, wo ferner zugleich die Moglichkeit besteht, eine unbeschrankte Anzahl von Leuten durch ein und dasselbe Warenstiick anzuziehen, verfiihrt er regel- maBig mit geradezu unglaublicher Nachlassigkeit, ja Blindheit fiir geschaftliche Moglichkeiten. Nehmen wir zum Beispiel Waren wie Bauholz, Eisentrager, Rohren, Zeitungspapier, Geschaftspapiere, Sessel, Tische, Tisch- tiicher und Servietten in Restaurants, Auslagekasten usw. Man be- denkt nicht, wie viele Augen das Bauholz oder die Eisentrager betrachten, ehe sie ihrer letzten Verwendung zugefiihrt werden, daB Rohren und Trager oft auch an ihrem definitiven Standorte von einer unbegrenzten Anzahl von Menschen gesehen werden, die sich eine entsprechend ausgefuhrte Marke unbedingt ein- pragen miiBten; daB es sich lohnen wiirde, Zeitungspapier, Ge schaftspapiere mit einer billigen Wasserzeichenmarke, Sessel, Tische, Tischtiicher, Servietten etc., die von zahllosen Menschen beniitzt werden und hiedurch fiir ihren Erzeuger kraftig werben konnten, mit einer gefalligen Schutzmarke an geeigneter Stelle zu versehen. Es gibt eine Menge technischer Gebrauchsartikel, die notwendi- gerweise den Augen vieler Menschen begegnen miissen und deren AuBeres ganz schmucklos und eintonig ist. Hier wiirde eine ge- fallige Marke mit groBer Sicherheit die Aufmerksamkeit des Be- schauers auf sich lenken, der fiir die willkommene Ablenkung durch einen figuralen oder ornamentalen Schmuck geradezu dankbar ist. Eine solche Marke muB aber nicht einmal schon sein, um zu wirken, obwohl es natiirlich besser ist, wenn sie moglichstvielen von den vier Grundbedingungen der guten Schutz marke Einfachheit, Eindruckskraft, Besonderheit, dsthetische Wirkung, entspricht. An Tausenden von Leitungsmasten, Tram- bahnfiihrerstiinden und elektrischen Eisenbahnwaggons, Tele- phon- und Signalapparaten stehen die verschlungenen lapidaren Buchstaben S. S. und S. H. und werden dem BewuBtsein des Publikums hiedurch eingehammert. Wie tief priigt sich dem Bauern die auf Sense und Sichel angebrachte Marke, dem Hand- werker jene auf dem Hobel, der Zange, dem Hammer, dem Bohrer, dem Schraubstock ein, mit denen er standig zu tun hat. Und wird er seinen Arbeitshelfer willkommen heiBen, wenn er ihm mit einem anderen Zeichen, also mit einem ihm fremden Gesicht, zum Kaufe vorgelegt wird? Ein wie reiches, noch wenig gepflegtes Feld bietet sich da dem Kaufmann Man hort auch haufig, daB sogenannte Konsumartikel sich selten dazu eignen, zu Markenartikeln emporgehoben zu werden. Wie falsch dies ist, ja, wie die Schaffung einer guten Marke hier geradezu die Hebung eines Schatzes bedeutet, haben Schicht, Lever Brothers, Titze, Kuhlemann, Franck, Kathreiner, Ankerbrot, Hammerbrot, Aerated Bread in London, die Wiener Molkerei, die Miag, die United Dairies, Liptous Tea, Pekarek, Mikado, Meinl, Kunz und zahlreiche andere siegreich bewiesen. Es gibt also praktisch gar keine Ware, bei welcher die Schutz- marke nicht mitErfolg als wichtiges Werbeelement angewendet werden konnte. Ist also hieraus die Folgerung zu ziehen, daB der Kaufmann vom Markenschutz moglichst weitgehenden Gebrauch machen soil, so gelangt man nun zu der wichtigen Frage der Schaffung einer richtigen Marke. (Fortsetzung folgt.)

Österreichische Reklame de | 1927 | | page 30